“Analog is the new digital” – Ein Fünkchen Zukunft für Frankfurt

Britta Friedrich von der Frankfurter Buchmesse und Veranstalterin der die Messe begleitenden StoryDrive-Konferenz hat zusammen mit newthinking-Projekt-Mastermind Andreas Wichmann 22 Personen, die etwas mit Medien machen, aus der Zukunft des Jahres 2022 heraus befragt – darunter auch mich.

Da dies naturgegeben technisch schwierig ist, haben unsere “Messages from the future” [2] einen spekulativen Blaustich und anachronistische Fehlübertragungen aus anderen Zeitlinien (Modem-Einwahlgeräusche).

Ob meine Zeitkapsel unter der illustren Schar von Medienmenschen – u. a. Günter Dueck, Markus Beckedahl oder Kristian Costa-Zahn – mithalten kann, sei mal euch überlassen, zumindest habe ich mit der steilen Ansage “Analog is the new digital” die kürzeste These überhaupt vertreten.

Ich habe mir alle 22 Beiträge angeschaut und finde das Projekt trotz der etwas formal einengenden Zukunftsmetapher gut, da hier einige auf den ersten Blick weitreichendere Science-Fiction-Szenarien zur Medienentwicklung ausgebreitet werden.

Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Kampagne im Vorfeld und als Countdown zur Buchmesse bei Teilen des konservativeren Publikums dort als “avantgardistisch” verstanden werden [3] – und was vielleicht nicht immer als Kompliment gemeint war.

Ich bin im Rahmen dieses Projekts auch am Samstag, den 13. Oktober 2012 ab 13.30 auf der Frankfurter Buchmesse als Teilnehmer beim StoryDrive Festival-Workshop “Ideenreich Zukunft: Das Morgen im Heute” anzutreffen. [4]

[1] Message from the future #6 – “Anlog ist new digital” inklusive Background-Interview
[2] #FBM12 StoryDrive “Messages from the future”
[3] Facebook-Post von Andreas Wichmann
[4] StoryDrive Festival-Workshop “Ideenreich Zukunft: Das Morgen im Heute”

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“Silent Running” beim #ILATweetup

Risszeichner trifft Raumfahrer: André Kuipers, ESA-Astronaut mit PERRY RHODAN-Vergangenheit, brachte ein kosmisches Strahlen zurück zur Erde (Photo courtesy Andreas Schepers, ESA).

Am Freitag, dem 14. September 2012 war ich von Andreas Schepers (ESA) zum #ILATweetup [1] eingeladen worden, hatte die Veranstaltung dankbar unter der Rubrik “Mostly harmless” verbuchen wollen und freute mich vor allem auf das ILA-Programm im Static wie im Flying Display.

Es sollte anders kommen. Mit seinem Kollegen Marco Trovatello (DLR) haben die beiden zusammen mit ihrem Team einen so dicht gepackten Event samt komfortablen Shuttle-Transport von Berlin Hbf zum ILA-Gelände Schönefeld [2] und zurück organisiert, dass ich mich für die wenigen Highlights des Flugprogramms (Eurofighter Typhoon, MiG-29) aus “Room Bravo” regelrecht davonstehlen musste.

Als eigentlich bloß gelegentlicher Hörer von Raumzeit, des gemeinsamen Podcasts von DLR und ESA mit Tim Pritlove [3], war ich dennoch schon bestens ins Themenspektrum eingeführt, um die nachfolgende Kaskade dicht gepackter aktueller Weltraumforschungsvorträge gelassen zu überstehen. Auch wenn die Vorlaufzeiten der einzelnen Missionen der ESA sich manchmal über Jahrzehnte hinziehen, hat die europäische Weltraumorganisation inzwischen eine beeindruckend dicht gepackte Pipeline von hoch interessanten Projekten in allen Bereichen der Weltraumfahrt versammelt.

Höhepunkte sind sicherlich die kommenden Erkundungen der geologisch hochinteressanten Jupiter- und Saturnmonde, die in vielerlei Hinsicht Ähnlichkeiten mit unserer Erdvergangenheit aufweisen (z. B. der JUICE – Jupiter Icy Moons Explorer [4]).

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“Da geht mehr:-)” – PERRY [RHODAN]-Jubiläumsbilder und -dioramen

PERRY – Unser Mann im All #100 trifft PERRY RHODAN 50; Quelle (1): Internet, Quelle (2): Ben Hary (Herzlichen Dank!)

Vor einigen Tagen hat mich der PERRY-RHODAN-Facebook-Account – da steckt höchstwahrscheinlich der KNF dahinter – auf ein verspätetes Jubiläumsgemälde von Ben Hary zum 50. der Serie aufmerksam gemacht, dass einerseits mein Wimmelbild “Familienaufstellung” [1] zitiert, mich andererseits wegen der nur wenigen wirklichen Hauptfiguren an das sicherlich nicht mehr allen präsente Jubiläumsposter aus Band 100 von PERRY – Unser Mann im All erinnerte.

Ben Hary schrieb mir dann via Facebook, dass ihn mein im letzten Jahr im PERRY RHODAN-Report veröffentlichte Bleistiftarbeit der “50 PR-Charaktere aus 50 Jahren” zu seiner farbigen Umsetzung angeregt habe. Ich finde Komposition, Farbgebung und den gewissen PR-typischen “Sense of Wonder” kommen trotz der Defizite in der Figurenzeichnung gut zum Tragen.

Insbesondere die so ähnliche Bespielung des Hintergrunds mit der SOL (bei mir war es die JULES VERNE) und der BASIS mitsamt der Figur von ES, die viel freundlicher und kompetenter ins Bild gesetzt ist als bei mir, frappant. Das gefällt mir.

In dem Kommentar-Thread fragte mich dann auch Matthias Feist, was denn aus meiner versprochenen Farbversion des Wimmelbilds geworden sei. Es gibt eine Farbversion, die ich exklusiv erstmal dem Magazin des Hans Rudi Wäscher Clubs zur Veröffentlichung zugesandt  habe, die aber quasi ein wenig den HR Wäscher-Kolorationsstil nachempfunden ist und mich nach Betrachtung der beiden Arbeiten hier oben nicht mehr so gefällt.

Ich finde das Motiv ist eine wunderbare Gelegenheit einmal meine eigenen malerischen Fertigkeiten ein wenig aufzupolieren. Wenn ich da mit einem für mich befriedigenden Ergebnis zu Rande komme, dann werde ich das an dieser Stelle gerne zeigen.

[1] PHUTURAMA: “Familienaufstellung” – 50 Charaktere aus 50 Jahren PERRY RHODAN in einem Wimmelbild

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PROMETHEUS und die Moebius-Scott-Connection

Cover der Mediascene Ausgabe Januar/Februar 1979, mit einer Farbversion von Moebius’ berühmten Concept Art zu Ridley Scotts Alien. (Quelle: quenched consciousness)

Dreißig Jahre nach Blade Runner kehrt Ridley Scott wieder zur Science-Fiction zurück. Während seine Adaption der Philip K. Dick-Erzählung Träumen Androiden von Elektrischen Schafen ein “Schläfer” blieb, der erst über die Jahrzehnte und diverse Final Cuts und Redux-Versionen zu dem unangefochtenen visuellen Vorbild des hyperurbanen Cyperpunk-Genres heranreifte, war Scotts Alien von 1979 der Startschuss für eines der emblematischsten und klebrig-schleimigsten Hollywood-Franchises, das sich in diversen Exploitations-Iterationen und Crossovers Unsterblichkeit errungen hat.

Die Nachrichtenlage zu Prometheus – Dunkle Zeichen [1] ist im Moment unklar, ob es sich bei dem neuen Film um ein klassisches Prequel zur Alien-Reihe handelt. Zumindest der Trailer gibt klare visuelle Hinweise, die auf mehr hinauslaufen als ein loses shared universe.

Ich empfange auch gerade ein wie auch immer motivierten Buzz über die diversen in diesen Tagen öffentlich gemachten Teaser und Trailer, der auf das nächste Big Thing in Science Fiction seit zumindest  Avatar [2] hinauslaufen soll – und den Epic Fail von Disneys John Carter [3] als ideales Kontrastmittel zu nutzen scheint.

Aber irgendwie bin ich misstrauisch, was das bisher bereitgestellte in Stills und Bewegtbild anbelangt. Ich habe das Gefühl, dass da zum Teil noch Pre-Production Animatics hinterschnitten sind, die für eine In-Game-Capture auf Crytek-Niveau okay wären, aber nicht für einen Ridley Scott-Film.

Darüberhinaus ist das in den Ausschnitten zu sehende finale Production Design stilistisch etwas heterogen – ein Best of Cobb, Foss, Gieger und natürlich Moebius. Es gibt klar zuzuordnende visuelle Reenactments des Alien-Originals wie z. B. die Landesequenz des Raumschiffs, das sehr an das der Nostromo angelehnt ist; manches ist aber auch unangenehm grell oder wirkt digitally over defined.

Ein Klassiker ist es natürlich, dass wiederum eine Unterwäschenummer mit einer Working Class Heroin vorkommt – eine Szene, die im Alien-Original auf vielfältigen Ebenen kommunizierte und Sigourney Weaver als Ellen Ripley zu einer “Ikone der Frauenbewegung im Kino” [4] werden ließ.

Hier einer der internationalen Trailer, der auch über den am Ende dramatisch sich aufschaukelnden Scream-Score zu gewinnen weiß:

[1] Prometheus – Der Film. Offizielle deutschsprachige Website.
[2] PHUTURAMA: German FAZ Sets Avatar’s International Reception in US-vs-PRC Synopsis
[3] SPIEGEL Online: Disneys Monster-Flop – Millionenverlust bei John Carter
[4] moviepilot: Prometheus – Dunkle Zeichen

Über die künstlerische Verbindung zwischen Ridley Scott und Moebius demnächst mehr.

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“Erstkontakt zu Dreikönige.” 1199 Panigale in Berlin

Es gibt auch weniger attraktive Blickwinkel auf 1199 Panigale. Quelle: Mein iPhone 3G S

Zwischen den Jahren erreichte mich eine E-Mail von Ducati Berlin [1] mit einer überraschenden Ankündigung:

“Das neu entwickelte Superbike fasziniert durch sein äußeres Erscheinungsbild und bietet zahlreichen neue bahnweisende technische Lösungen. Am 06. Januar 2012 ist die 1199 S bei DSB Berlin in der Ausstellung. In der Zeit von 12.00 – 20.00 Uhr kann das Motorrad begutachtet und testgesessen werden. Bei dem Ducati Superbike handelt es sich um ein Sonderfahrzeug, dass nur am 06. Januar 2012 zur Verfügung steht.”

Hm, einerseits war mir die Vorstellung zwischen vielen anderen Leuten um das rote Kalb zu tanzen, etwas unangenehm; andererseits ist meine Begeisterung und mein Interesse an Ducatis neuer Superbike-Generation schon hinreichend dokumentiert [2], so dass dann doch meine Neugierde gesiegt hat.

Ducati Berlins Showroom war dann am frühen Nachmittag des 6. Januar 2012 auch gut gefüllt. Nur, wo war der Star der Veranstaltung, die “Exorzistin”, die ich nun endlich in echt sehen wollte? Bei einer vergleichbaren Produkt-Premiere Ende 2007 war das sehr einfach gewesen. Das Perlmuttweiß-Metallic war die Signature-Farbe der damals frisch gelaunchten 848 und besaß im Showroom ein ausgeprägtes Alleinstellungsmerkmal. Die genannte 1199 S Panigale gibt es nur in Rossa Corsa, eine Farbe, die bei den bei Ducati Berlin stehenden Maschinen nicht gerade selten ist. So dass ich fast erschrocken über das winzige Motorrad gestolpert wäre, dessen unglaublich langen, insektenfühler-artigen Rückspiegelausleger mir dann signalisierten: Das ist sie!

Bei der weiteren Begutachtung hat mich dann mittelschwere Ernüchterung erfasst. Viele der großartigen Designdetails wie die Underslung-Schalldämpfer unterm Verkleidungskiel mutierten zur Bückware und sind unter normalen Umständen gar nicht wahrnehmbar. Überhaupt ist vieles so String-Tanga-kompakt geschnitten, dass unter einem massigeren Fahrer gar nicht so viel vom gerühmten Design sichtbar bleibt. Im Kontrast dazu wirkt das frontlastige Design fast schon kopffüßlerisch, was durch die im Vergleich zur Vorgängergeneration sehr weit aufgeblähten Air-Intake-Nüstern noch verstärkt wird. Die wesentlich steiler stehende Windschildkanzel mag effektiv sein, aber auch hier sieht Eleganz anders aus. Die extrem abstehenden, ‘funktionalen’ Spiegelausleger haben dann in der Konsequenz schon fast etwas karikaturhaftes.

In der Seitenansicht fehlt definitiv das für Ducati in den letzten zwei Jahrzehnten so prägende Fachwerk der Gitterrohrrahmen, das immer einen willkommenen und, wie sich jetzt herausstellt, auch notwendigen Kontrast zu den meist unifarbenen Verkleidungen dargestellt hat. Als beinahe einzige vollverkleidete Motorräder konnten Ducatis ohne jeden grafischen Schnickschnack (“Joghurtbecher”) auskommen. Wenn man sich die Bilder des Sondermodells 1199 S Panigale Tricolore [3] ansieht, dann scheint hier Ducatis traditionelles Gestaltungsmuster überfordert und an sein Ende gekommen zu sein. Ausnahme wie bei bei nahe allen Motorrädern wäre natürlich die Nichtfarbe Schwarz.

Ich bin gar nicht so traurig, dass die 1199 neben ihrer technischen Exzellenz für mich nicht auch noch unter ästhetischen Gesichtspunkten alle Vorgängermodelle in den Schatten stellt. Da verbleibt viel virtuelles Kapital für andere wunderbare Gelegenheiten. Und wer weiß, vielleicht ist das auch nur Anpassungsschock. Wenn ich mir das Prüfstandsvideo einer tarnkappen-mattschwarzen hier unten betrachte, dann könnte ich mir schon vorstellen, dass ich in einigen Jahren vielleicht eine ‘kleine’ 799 Panigale Dark ganz anders zu schätzen wissen werde.

[1] Ducati Berlin, die ich allen Interessierten aus meinen Erfahrungen heraus sehr empfehlen kann (Oder ist es Stockholm-Syndrom?)
[2] PHUTURAMA: “Die Exorzistin.” Ducati 1199 Panigale
[3] Offizielle Ducati-Website: 1199 Panigale S Tricolore_Sondermodell

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Science Fiction: “Das Internetz in den Händen der Arbeiterklasse”

Ich werde das wohl nicht schaffen, aber die Veranstaltung [1] heute im Berliner Literaturforum im Brecht-Haus, Dienstag, den 5. Juli 2011, mit dem renommierten Science Fiction-Autorenteam Angela [2] und Karlheinz Steinmüller [3] klingt allein schon wegen des schönen Ankündigungstexts attraktiv:

“Soll man Emails aus der virtuell-existierenden DDR besser gleich löschen? Was haben Viren mit dem lieben Gott zu tun? Werden Romane künftig zielgenau für exakt einen Leser geschrieben? Angela und Karlheinz Steinmüller kennen die Zukunft-Ost und die Zukunft-West. Sie sprechen über die DDR im Jahr 2000 und die EU im Jahr 2030, über die Schwierigkeiten beim SF-Schreiben damals und heute und über das spannungsgeladene Verhältnis von Science-Fiction und Zukunftsforschung.”

UPDATE: @frank_rieger hatte mich überzeugt, dass mein Veranstaltungstipp doch interessanter sein könnte als von mir selber gedacht.

Ich hatte die Steinmüllers, zumindest ihren wohl bekanntesten Roman Andymon (1982) vielleicht passiv unter “DDR-Science Fiction” bzw. “Wissenschaftliche Phanstastik” abgelegt, aber das war’s auch schon. Die von Hardy Kettlitz flott moderierte Lesung mit Angela und Karlheinz Steinmüller begann mit einem Ausschnitt aus der titelgebenden Erzählung Das Internetz in den Händen der Arbeiterklasse. Das spezielle Szenario des aus einer Pararealität getunnelten DDR-Internet ist liebevoll konstruiert, aber schon ein wenig ostalgisch.

Die weiteren kurzen auf bestimmte Jahre des 21. Jahrhunderts charakteristische prägende Durchbrüche waren da anregender – insbesondere das Instant Book-Szenario totaler Customization ist schon sehr nahe an der Wirklichkeit. In der anschließenden kurzen Diskussion kam dann wieder das schon traditionelle unreflektierte PERRY RHODAN-Gebashe auch durch die Steinmüllers zum Tragen, was ich nun schon seit 35 Jahren kenne und dem hier auch keine neue Erkennntisse hinzugefügt wurden.

Na ja, die ebenfalls gekommenen @mspro und @texastee haben mich im Anschluss im relaxten Hofschänke des Brecht-Hauses wieder aufgebaut. Danke schön.

[1] Veranstaltungsseite Literaturforum im Brecht-Haus
[2] WP: Angela Steinmüler
[3] WP: Karlheinz Steinmüller

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Als Archäologe auf Zeitreisen? @mspros Denken der Zukunft denken.

Den zukünftigen Kopf schon aus dem Bild, die Zehen noch im Hier und Heute; Foto (verfremdet): mspro

mspro fordert sich und uns in seinem Blogeintrag “Archäologie des Heute – das Denken der Zukunft denken” [1] auf, die transitorischen und damit im wahrsten Sinne “vorläufigen” Grundannahmen unserer Ideologien neu zu denken. Sie nicht nur modal als theoretisch gleichberechtigte Prämissen innerhalb der jeweiligen gesellschaftlichen Wahrheitssysteme zu betrachten, sondern sie immer historisch als “Snapshots” einer zukünftigen Vergangenheit mitzudenken.

Das ist eine Demutsgeste, die mir im fiebrig tagesaktuellen Netzdiskurs, als dessen prominenten Vertreter ich mspro hier nicht reduzieren sollte, sehr gut gefällt. Mit einem Geschichtsstudium belastet, hat sich mir eine gewisse Demutshaltung, aber auch Fremdheit gegenüber den Menschen vor unserer Zeit prägend eingeschrieben. Gerade unter den Erfahrungen eines hyperbeschleunigten wissenschaftlich-technischen Fortschritts aber bin ich mit meinen jeweiligen Zeitgenossen aber all zu gerne bereit, diese Demut gegenüber den scheinbar so rückständigen, vorwissenschaftlichen im “Tal der Ahnungslosen” Lebenden zu vergessen. Das Hier und Jetzt ist doch immer die Krone der Schöpfung.

Ich entsinne mich einer Empörungsfloskel in meiner Kindheit “… und das im 20. Jahrhundert!”, die diese Gegenwartsdünkel gegenüber den angeblich dunklen Zeitaltern auf einen volkstümlichen Nenner bringt.

“Ich glaube, wir haben unser ‘Heute’ lange genug von der Vergangenheit her gedeutet. Es wird Zeit, es von der Zukunft her zu deuten.”

Nun sind bekanntlich Vorhersagen insbesondere dann schwer zu treffen, wenn sie sich auf die Zukunft beziehen. mspros Forderung, “das Heute von der Zukunft her zu befragen” bleibt ohne aus der Vergangenheit heraus extrapolierte Szenarien ein substanzloses Memento Mori.

Es sei denn, man mache sich die Interpretation von @tristessedeluxe zu eigen, dass mspro tatsächlich Zeitreisen als notwendige Diskurspraktiken propagiert. [2] Weswegen dies alles auch ein PHUTURAMA-Post wert ist.

Die Wahrheit aber, Genosse, ist konkret! Und so ist mspro mutig genug, seiner oben deklarierten Prämisse zu folgen, und heutige Problemfelder auf ihre zukünftige Obsoletheit hin zu skizzieren. Allerdings sind mir die erörterten Kontroversen zu feingranular, als dass ich sie zu Opfern eines epochalen Paradigmen- oder Epistemewechsel erklären würde: “Medienregulierung, Depublikation, Lohnarbeit, Regiert werden” – alles bloße Überbauphänomene, wie ich als guter Marxist einwenden würde.

Die wirklichen Umbrüche betreffen die Wissens- und Wahrheitssysteme

Mit dem Titel seines Beitrags “Archäologie des Heute” bewegt mspro sich schon in der Begriffswelt des frühen Foucaults, der sich umfassend, aber letzlich unbefriedigend mit dem Umbrechen ganzer Wissensformationen beschäftigt hat.

Zwei maßgebliche epistemologische Umbrüche sehe ich allerdings, die unser heutiges Denken und Wissen im Nachhinein marginalisieren könnten:

I. Zum einen die Möglichkeit des Transhumanismus als Resultat der Herrschaft der automatisierten und algorithmisierten und sich von den Menschen emanzipierenden Institutionen. Weit radikaler als von Max Weber ursprünglicher Dichotomie zwischen bürokratischer “Maschine” (as in “Chicago Machine”) und charismatischer Führungsgestalt problematisiert. Hier spielt auch die Singularität, über die @plomlompom und die Matrix-Trilogie mehr zu erzählen wissen, hinein.

Zum Transhumanismus gehört die Relativierung des Menschen im biologischen Re-Engineering als “Spiel[er]material”. Es gehört zu den Vorzügen der deutschen konservativ-verharrenden rest-christlichen Milieus, dass diese Fragen als ethische wahrgenommen und quer durch alle politischen Lager noch verhandelt werden können. Das oft so lächerlich gemachte “christliche Menschenbild” der C-Parteien hat den Vorteil, dass es weitestgehend mit dem allgemeiner gefassten Wertekanon des Grundgesetzes übereinstimmt. Der humanistische Ansatz, dass der Mensch “das Maß aller Dinge” ist, wird im christlichen Denken mit dem Argument “weil Ebenbild Gottes” nur bestärkt.

II. Die Delegitimation der Ratio als Grundlage eines universell durchgesetzten wissenschaftlichen Weltbilds: So sehr die Logozentrismus-Kritik der Poststrukturalisten gerechtfertigt ist – insbesondere, wo sie den Sack schlug, aber den ihn tragenden Esel des “wissenschaftlichen Marxismus” glaubte treffen zu können – , die hochgradige Spezialisierung der Wissenschaftsdisziplinen behindert aber zunehmend ihre weitere Allgemeingültigkeit. Die Kreationisten und Grand Designer-Anhänger sind die Vorboten eines solchen Relativismus.

Als Beispiel sei die Suche nach dem Higgs-Teilchen genannt. Die damit einhergehenden LHC-Experimente sind nur noch in ihrem Unwahrscheinlichkeitsgehalt (Stichwort: “alles verschlingendes Schwarzes Loch”) von gesellschaftlicher Bedeutung. Das eigentliche wissenschaftliche Grundproblem hat für die Menschen “in der Fläche” dieselbe Relevanz wie vormals der mittelalterliche Scholastiker-Streit um die Frage, wie viele Engel auf einer Nadelspitze tanzen können.

Was im aktuellen Wissens- und Wahrheitssystem als lächerlichste Spitzfindigkeiten religiöser Verblendung “wahrgenommen” wird, kann in einer zukünftigen Episteme auf die Hohepriester des CERN zurückfallen. Ich möchte nicht mit Butlers Djihad oder der Orange-Katholischen Bibel drohen, aber hinterher ist es vielleicht der “Muhahad’Dib,” der am Lautesten lacht.

[1] mspros Blogbeitrag “Archäologie des Heute – das Denken der Zukunft denken”
[2]  @trsitesedeluxe: “@mspro hat das Genre Zeitreise für sich entdeckt.”

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monochrom’s ISS über Berlin: Mehr Lokalisation wagen!

Schwerelose Diskurshoheit im Orbit über Berlin. monochrom's ISS Crew hier in Episode 3 "Graveyard Orbit"; Foto: Johannes Grenzfurthner

Johannes hatte mit Freikarten für die Donnerstags-Premiere Episode 6 “In Space No One Can Hear You Complain About Your Job” der ISS-Impro-Sitcom im Berliner Ballhaus-Ost geworben. Es sind dann nur ermäßigte Karten bei herausgekommen, so dass ich als zahlender Gast jetzt die ganze Wahrheit sagen darf.

monochroms englischsprachige Performances haben es in Berlin schwer, denn trotz aller Internationalität ist das Publikum eher deutschsprachig. Der Humor ist sehr auf einer akademisch geschulten Metaebene angesiedelt, die Shows gleichzeitig ausufernd und aggressiv dilettantisch. So manche kluge Anspielung bleibt “lost in translation,” während der Klamauk als Oberflächenphänomen die Diskurshoheit übernimmt. Wenn, wie gestern, eine eingeschworene Peer Group das Ganze begleitet, kommt auch dabei Stimmung auf. Aber ich habe monochrom schon Mainhalls leer performanzen sehen, weil sie nicht zum Ende kommen wollten.

Vorbild von monochrom’s ISS [1] ist das Sitcom-Format, so dass dies die Endlos-Überdehnung der Aufmerksamkeitsspanne des Zuschauers im erdnahen Orbit verharren läßt. Johannes Grenzfurthners und Roland Gratzer rahmen als bekannt monochromisierende Conferenciers die durch professionelle Schauspieler besetzte ISS-Crew-Handlung ein. Das trashige Bühnenbild kommt den bekannten Fernsehbildern erstaunlich nah. Die Darstellung der Schwerelosigkeit ist eine Disziplin, die der Hälfte der Crew fast perfekt gelingt. Was aber den scharfen Kontrast zur irdischer agierenden anderen Hälfte der ISS-Besatzung hervorhebt und ein wesentliches Merkmal der Illusionsmaschine Theater verpuffen läßt.

Natürlich ist monochrom’s ISS Konzeptkunst [2] als gespielter Witz erst einmal bestechend: Die Sitcom als Wohnzimmerformat nimmt sich des globalisierten aller Arbeitsplätze an, der International Space Station, um an ihrer Crew zeitgenössische Kapitalismuskritik zerschellen lassen zu können. Dennoch ist die Gloablisierung nicht so weit, dass man in einem Austro-internationalisierten Off-Kulturformat, dass im US-akademischen Milieu durch den Strangeness-Faktor gewinnen mag, unlokalisiert rückübertragen kann.

Ein Wort noch zum Spielort Ballhaus Ost: [3] Persönlich durch die c-base Raumstation unterhalb Berlin [4] sozialisiert und selbstkritisch hinsichtlich des räudigen Charmes sogenannter Off-Locations, bin ich doch entsetzt, wie sperrmüllig diese Spielstätte, die früher als großartige Indie-Club- und Konzertvenue funktioniert hat, jetzt daherkommt. Vielleicht hätte monochrom’s ISS eine glamourösere Spielstätte auf gleichsam internationalem Niveau besser getan.

Und jetzt reingehen oder nicht? Ja, unbedingt und den monochromaten heute Freitag, den 24. Juni oder Samstag, den 25. Juni im Ballhaus Ost eure Meinung sagen. Kostet unermäßigt 13 EUR.

UPDATE: Schöner Tweet von @johannes_mono dazu: [5]

@gregorsedlag: Harmlos! Ist ja ein public recording für HD-Video… schon deswegen ist mir die deutsche Theater-Scholle wurscht. ;) #iss2011

[1] monochroms Website mit aktuellem Pressespiegel zur Berliner Premiere der Bühnenfassung
[2] monochrom’s ISS Projektseite mit den Videos
[3] Website Ballhaus Ost
[4] c-base – Raumstation unterhalb Berlin
[5] https://twitter.com/#!/johannes_mono/status/84273822064320513

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