DIE LIGA DER INTERNET-SCHURKEN

Ein Superschurken- bzw. Superhelden-Comic braucht vor allem Farbe!

Vor drei Jahren habe ich meine erste komplett abgeschlossene Comic-Geschichte veröffentlichen können – DIE LIGA DER INTERNET-SCHURKEN. Ermöglicht im Auftrag der Digitalen Gesellschaft e. V. [1] und auf das besondere Engagement von Markus Beckedahl [2] hin. Auslöser waren die Anti-ACTA-Proteste im Jahre 2012 und eine Idee von Sascha Lobo.[3]

Im Frühsommer 2012 war das Scheitern von ACTA im Europäischen Parlament noch nicht ausgemacht gewesen. Die Netzaktivisten in und um die Digiges herum suchten nach Wegen und Möglichkeiten ihren Protest wirksam zu kommunizieren. Sascha Lobo riet, die Kräfte hinter solch intransparenten internationalen Vereinbarungen wie ACTA – oder aktuell TTIP – in Form von ›Superschurken‹ wie aus US-Superheldencomics zu personifizieren und zu diskreditieren. Auf der Suche nach jemanden, der in diesem Stil etwas entwerfen und umsetzen könnte, hat Markus Beckedahl mich dann angefragt.

Und nicht nur ein »ACTA-MAN« war gewünscht – eine ganze LIGA DER INTERNET-SCHURKEN sollte es sein! Am Ende wurden es der panzerköpfige AGENT A.C.T.A., der schimärenhafte TROY als Alias des »Bundestrojaners«, die nano-begabte DEEP PACKET INTRUDER, ein Gedanken lesender und manipulierender ZENSOR, ein Abmahnanwalt und Patent-Troll namens LAWSUIT LIZARD und ANTI-NEUTRON, die ›Nemesis der Netzneutralität‹ als Ausgeburt eines komplett kontrollsüchtigen und unfreien Internets. Darüber schwebte als klandestine PRISM-förmige – es ist Juni 2012! – eine Überwachungsinstanz namens ALL-SEEYING EYE als Verkörperung eines alles durchdringenden Überwachungsstaates. (more…)

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»10 Minuten, 90 Grad«

Das wunderbare Kongressthema in der Illustration von abcassirer.de!

Da ich inzwischen ein wenig abgekühlt bin, hier noch ein Nachtrag zu meinem »Sauna-Lighning Talk« beim 5. Weltkongress der Hedonistischen Internationale [1] vor einigen Wochen irgendwo in einem post-sozialistischen Erholungsresort zwischen Hamburg und Berlin.

Ich war einfach spät dran. Meine einzige legitime Möglichkeit an der Veranstaltung noch teilnehmen zu können, war, einen Vortrag einzureichen. Mein Lieblingsthema [2] über das Versagen der Science Fiction riss es dann:

»Science Fiction als literarisches und insbesondere multimediales Genre der Populärkultur in TV, Kino und Computerspielen hat mit der Jahrtausendwende sein gesellschaftspolitisches Momentum verloren. Als Genre bedient die Science-Fiction klar umrissene kommerziell Stereotypen und Topoi, die es als Genre kenntlich machen. Gesellschaftliche Großentwürfe oder negative Dystopien können sich kein Gehör mehr verschaffen. Es ist auffällig, dass literarische Science-Fiction mehr und mehr genre-untypisch als zeitgenössische Belletristik vermarket wird. Was als Ausweis von Akzeptanz im Mainstream verstanden werden könnte, ist aber in meinen Augen eine Marginalisierung. Die SF ist nicht mehr so brisant und gefährlich, dass sie wie im gesamten 20. Jahrhundert länger in den Genre-Grenzen der Popkultur domestiziert werden muss. Ihre Funktion als ‘Trainingsprogramm’ zur Anpassung der Massen an den gesellschaftlichen Wandel hat sie praktisch eingestellt. In der stark beschleunigten digitalen Technosphäre ist die literarische SF zur bloßen ‘Gegenwartsliteratur’ geworden. Viele Zukunftsszenarien rinnen ambitionierten Autoren während des Schreibprozesses unter der Tastatur hinweg. Denn was sind einige Tausend Autoren fiktionaler Narrative gegen die Übermacht der Millionen Autoren von Code, der in Computerprogrammen die Welt in Echtzeit verändert. Das Cyberpunk-Genre hat diese technologische Revolution metaphorisch wie pop-ästhetisch beschleunigt, und dabei die Science-Fiction als Sonde in mögliche Zukünfte ausgelöscht. Was heißt dies für unsere netzpolitischen Debatten? Veraltete Sprachbilder wie ‘Big Brother’ und ’1984′ zeigen wie unzureichend unsere aktuellen Debatten durch vorausschauende Begriffsprägungen der Science-Fiction unterfüttert sind. Brauchen wir – in den Worten von Günter Hack [3] – eine ‘neue’ Science Fiction? Und wie könnte diese aussehen? Wer sie schreiben?«

Die Regeln der Sauna-Talks haben es mir schwer gemacht, das ambitionierte Abstract umzusetzen:

»Neben den bisherigen Vortrags- und Workshopformaten soll es dieses Jahr mit den Lightning-Sauna-Talks eine Weltpremiere geben: Konzept ist 90 Grad, 10 Minuten, 1 Aufguss, 1 Vortrag. Auch hierfür werden noch hitzeresistente Referent:innen mit spannenden, erheiternden und ernsten Kurzvorträgen gesucht – auch spontan vor Ort.«

Ich war nicht hitzeresistent, sondern musste nach fünf Minuten schon einmal für eine Abkühlung im See unterbrechen. Die Teilnehmer sind mit und haben mich der zweiten Halbzeit wunderbar unterstützt.

Danke an alle vor Ort.

[1] Fünfter Weltkongress der Hedonistischen Internationale vom 29. Mai bis 2. Juni 2014
[2]»Das Ende der Science-Fiction« – Reaktionen auf einen re:publica-Vortrag
[3] FAZ: »Wir brauchen eine neue Science-Fiction!«

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“Geschichte einer Ablehnung”

Dieser Eröffnungsvortrag zur 1. Spackeriade [1] der “datenschutzkritischen Spackeria” [2] an Bord der c-base im letzten Herbst ist mir beim routinemäßigen Kontroll-Googlen wieder ins Gedächtnis gekommen, und ich möchte ihn hier mit euch teilen. Es gibt keinen besonderen aktuellen Anlass, wenn man mal die Referenz an die edition suhrkamp in den ‘Slides’ und die aktuelle Insolvenzschutzsituation des Suhrkamp-Verlags außer Acht läßt.

“Geschichte einer Ablehnung” von Gregor Sedlag from c-base on Vimeo.

Die ‘Slides’ sind auf Englisch, weil ich diesen Vortrag ursprünglich als Eingangsstatement beim Panel Post Privacy (part 1) beim von Tatiana Bazzichelli kuratierten reSource 001:Trial Crack [3] mit @tante (Jürgen Geuter) und @mspro (Michael Seeman) von reSource transmedial culture berlin genutzt habe.  Hier noch mein Einführungstext zum #Spack1-Vortrag:

Es ist interessant, wie eine selber aus dem gesellschaftlichen Off kommende Untergrundbewegung wie der Chaos Computer Club mit zunehmend gesamtgesellschaftlicher Akzeptanz und Etabliertheit Flanken gegenüber den neuen Fragestellungen von Post-Privacy, Data Love und dem “radikalen Recht des Anderen” (@mspro) aufreissen läßt, deren Legitimität nicht wenigstens einmal als intellektuell inspirierend verstanden werden, sondern in Bausch und Bogen als Angriff und Spaltung der “Netzgemeinde” verstanden werden. Der Tod von Apple-Gründer Steve Jobs im letzten Jahr hat die hippiesken Wurzeln der “kalifornischen Revolution” noch einmal in Erinnerung gerufen, wie sie durch Rainer Langhans wie auch der CCC-Mitbegründer Wau Holland in ihrer speziell bundesrepublikanischen Tradition der weltweiten Alternativbewegungen verkörpert wurde – der erste als Alt-68er, der jüngere Wau Holland als Protagonist der ernüchterten postradikalen 78er-Generation nach dem “deutschen Herbst”. Geradezu postideologisch visionär war Waus Verständnis vom Computer als einem möglichen individuellen Emanzipationsinstrument; galt dieser doch im links-alternativen Mainstream-Milieu zu den Gründungszeiten des CCC im Jahre 1981 noch als Repressionsinstrument von Big Business, Big Government und Big Brother. Es ist somit eine historische Ironie, dass sich die Geschichte einer Ablehnung zu wiederholen beginnt. War das damalige Feindbild des linksalternativen Gefühligkeitshumanismus der Computer an sich, so ist es heute das sich langsam herausbildende und ins Nachmenschliche zu wachsen drohende Potential der universellen Vernetzung der Datenreisenden.

[1] Programm der 1. Spackeriade (2012)
[2] Das Blog der datenschutzkritischen Spackeria
[3] reSource 001: Trial Crack

 

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“Auf der dunklen Seite …”

"Wie viel Nazi steckt in Dir?" Crowdfinde es heraus mit Iron Sky, der "Dark Science Fiction Comedy" von Timo Vuorensola, Photo courtesy Berlinale 2012

Die finnisch-deutsch-australische “Dark Science Fiction Comedy” Iron Sky ist das Posterchild der noch jungen Crowdsourcing-Branche. Insbesondere in den nerd- und geek-affinen Kreisen wurde die Persiflage auf bestehende Verschwörungsszenarien um ein zur dunklen, ewig der Erde abgewandten Seite des Mondes geflohenes letztes Aufgebot der Nazis mit leicht gruselig-verbotenem Enthusiasmus aufgenommen.

Welche Faszination üben die Nazis und ihr kulturelles Erbe überhaupt auf die Science-Fiction-affinen Netz-, Nerd- und Geekkulturen aus? Anders als andere totalitäre Herrschaftssysteme ist die NS-Ideologie mit ihrem systematisch in die Tat gesetzten Holocaust gegen die europäischen Juden und anderer als “lebensunwert” betrachteter Gruppen auf der Achse des Bösen ein singuläres Phänomen geblieben. Aber damit ein überzeitlicher Referenzpunkt für zivilisatorische Abgründe schlechthin.

Schon der ersten Generation der damals noch ganz jungen, meist aus New Yorker jüdischen Verhältnissen stammenden Superhelden-Comicschöpfer hatte sich aufgrund der Erfahrungen der in die USA geflohenen europäischen Verwandtschaft in den 30er Jahren das NS-Regime als das logische Raison d’être für ihre Heldengeschichten aufgedrängt. Marvels frühe “Golden Age”-Superhelden kämpften damit propagandistisch vor allem an der Heimatfront, um den isolationistisch geprägten und auch nicht gerade von antisemitischen Ressentiments freien WASP-Mainstream für einen Kriegseintritt der USA gegen Nazi-Deutschland zu gewinnen.

Nach dem Sieg über die Nazis, der mit Hilfe der von vielen europäischen Emigranten bereicherten Hollywood- und US-Kulturindustrie getragen wurde (z. B. war Casablanca ein zeithistorisch topaktueller Film des Jahres 1942, in dem der Sieg der Alliierten überhaupt noch nicht entschieden war!) galt die ideologisch-propagandistische Unterstützung – auch unter dem massiven Druck des McCarthy-Ausschusses gegen “unamerikanische Umtriebe” – zuerst einmal der Abwehr der kommunistischen Bedrohung im Kalten Krieg.

Doch mit der globalen “Kulturrevolution” des Jahres 1968 kam mit New Hollywood eine ganz neue Generation Filmautoren zum Zuge, die die historische und ästhetische Faszination der Nazi-Bedrohung mit den als faschistoid verstandenen Repressalien des US-Establishment gegenüber den Hippie- und Gegenbewegungen zu instrumentalisieren wusste.

Welchen Einfluss zum Beispiel Leni Reifenstahls Propagandafilme für die pop-kulturelle Großerzählung unserer Generation – Star Wars – einnimmt, zeigt die triumphalistische Siegesfeier der Rebellen-Allianz zu Ende von Episode IV: A New Hope, die wesentliche Inszenierungsmerkmale aus der Riefenstahlschen Reichsparteitags-Trilogie zitiert.  Und hinter dem ganzen Star Wars-Universum lauert die Figur des “Dunklen Vaters”, der Samurai-Rüstung mit Totenkopf-SS-Gestaltung Achsenmächte-gerecht in sich vereinigt.

Was auf der Bildebene so prächtig funktionierte, löste George Lucas in der Star Wars-Prequel-Trilogie, die dem “Downfall” des jungen Anakin gewidmet war, dramaturgisch nicht ein. Und dennoch: der preisgekrönte VW-Spot zeigt: Wir würden alle gerne ein wenig auf der dunklen Seite der Macht wandeln – gemeinsam mit unserem “inneren Nazi”, der ein ziemlicher Kindskopf ist: “Kraft durch Freude!”

 

 

Die Faszination der Nazis liegt in ihrer anscheinend organisatorischen Überlegenheit, ihrem radikal-modernistischen revolutionärem Furor, ihrer Attitüde des Anti-Establishments. Sie verbinden, wie der Begriff “Nationalsozialismus” selbst, linke wie rechte Auflehnungsmuster. Sie sind natürlich der Feind, aber auch die Projektionsfläche der eigenen bitter vermisster Stärke auf Seiten der Opfer.

Spätestens hier steht die immer währende Option zur Verführung zur “dunklen Seite der Macht” als moralischer Topos des Nerd- und Geek-Universums auf der Tagesordnung. Er kommt auch in Googles “Don’t be evil”-Statement zum Ausdruck.

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“robots & monsters” – Die Illustrationen von xbrg

"Vote Monster" – Illustration von xbrg, oder: Wie ich nach zehn Jahren asymmetrischer Bekanntschaft ihre "robots & monsters" kennenlernen sollte.

Im letzten PHUTURAMA-Post [1] habe ich die #Tassebier-Veranstaltung der Blogrebellen [2] auf der c-base [3] als semi-offizielle 28C3-After-Hour erwähnt. Dort hatte ich eine überraschende Begegnung auf Hochebenen-Niveau mit xbrg, was mir wieder einmal demonstriert, wie erstaunlich diese Raumstation doch ist.

Wie zu erwarten war, zog die #28c3 #Tassebier eine Menge Publikum in die c-base. Vorm Andrang an der Bar fliehend zog es mich hinter das VJ-Kontrollzentrum und die Stiege hinauf zur ehemaligen cultorg-Kontrolltower-Hochebene, deren Zutritt mir dort von einem crew-member-Pärchen tapfer durch freundlichen Small-Talk verweigert werden sollte. Das weibliche crew-member war mir sowohl vom Sehen als auch vom Namen her als “Anne aus Freiberg” seit bestimmt zehn Jahren bekannt, aber ich ihr offensichtlich überhaupt nicht.

“Heute ist Tag der offenen Station, also auch alle Bereiche hier oben,” sagte sie sinngemäß zu mir, dem als Eindringling in heilige crew-member-only-Bereiche Identifizierten. So habe ich mich also erstmal bei ihr vorgestellt und aus der Kontroll-Small-Talk wurde ein sehr interessantes Gespräch, in dessen Verlauf ich über xberg lernte, dass sie zwar Software-Entwicklerin (auf der c-base ein nicht unüblicher Leidensweg), aber dass sie auch selber zeichnete. Wahrscheinlich hatte ich bei der Selbstauskunft ihr gegenüber als Illustrator bezeichnet.

Da xbrg sagte, dass sie überwiegend Roboter zeichnete, wurde ich neugierig, schaute direkt vor Ort bei ihrem flickr-Account [4] nach und bin jetzt so angetan, dass ich es hier zeigen musste. Auch als Note to myself: “If we only knew what we know.”

[1] PHUTURAMA: “Schmuddelkinder aus dem Bällebad” 28C3 vs. Spack0
[2] Die Blogrebellen. Kreuzberg
[3] c-base Website: “be future compatible”
[4] flickr: xbrg’s wunderschönes Album “robots & monsters”

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“Schmuddelkinder aus dem Bällebad.” 28C3 vs. Spack0

Kontrollverlust im virtuellen Bällebad 2D: Alles klebt im “The Obliteration Room” von Yayoi Kusama, Quelle: booooooom.com

Im Jahr 2000 habe ich im Rahmen einer Konferenzredaktion für die inzwischen vergessene Berlin Beta Versionen an einem Gesprächspanel [1] mitgewirkt, bei dem Wau Holland und Rainer Langhans aufeinander getroffen sind. Ich kann mich nicht mehr erinnern, was sie zusammen mit den anderen drei Teilnehmern Ossi Urchs, Derrick de Kerkhove und dem Moderator Christian Ankowitsch genau gesagt haben, aber ein bei Telepolis archivierter Artikel von Stefan Krempl hat mich ein wenig aus meinem “Digital Delirium” [2] geholt. Und ich weiß auch nicht, ob Rainer Langhans und Wau Holland später noch einmal zusammengetroffen sind, aber bei der listig in die Nachbarschaft des 28. Chaos Communication Congress [3] gesetzten #Spack0, der Pilotzusammenkunft der datenschutzkritischen Spackeria [4] wäre eine gute Gelegenheit für eine Reprise gewesen. Wau Holland ist im darauffolgenden Jahr 2001 gestorben. Wie sehr er fehlt, wird jetzt im Abstand deutlicher als unmittelbar  danach im Post-9/11-Aftermath, als “im Club” auch atmosphärisch die Paranoia gegenüber Diskordia obsiegt hat: 23 > 42. [5]

Rainer Langhans hingegen schien ein geeigneter Apologet post-privatären Lebensstils für die #Spack0 zu sein. Eine Jahrzehnte umspannende Erfahrung von der öffentlichen Erregung als Mitglied der Kommune 1 bis zur Privatfernseh-Inszenierung als Bewohner des RTL-Dschungelcamps schienen einem Keynote-Spacken würdig. Doch als den Faschismus verherrlichende Zitate, u. a. dieses NDR-Interviews aus dem Jahre 1999 [6], ans Licht kamen, unterzog die darauf folgenden Reaktionen das spinnwebzarte Spacken-Netzwerk einem erheblichen Stresstest, so dass die lockere Orga-Gruppe Langhans leider wieder auslud. Zur Strafe flagellierte sich die Spackeria in einem eigenen Fail-Debatte [7] auch zum #LanghansGate. Wie eingangs erwähnt, haben wir damals im “digitalen Delirium” Rainer Langhans Faschismus-Flirt nicht gekannt – das Internet war halt noch nicht so agil wie heute.

Steve Jobs’ Tod im letzten Jahr hat die hippiesken Wurzeln der “kalifornischen Revolution” noch einmal in Erinnerung gerufen, die auch Rainer Langhans wie Wau Holland in ihrer speziell bundesrepublikanischen Tradition der weltweiten Alternativbewegungen verkörperten – der erste als Alt-68er, der jüngere Wau Holland als Protagonist der ernüchterten postradikalen 78er-Generation nach dem “deutschen Herbst”. Geradezu post-ideologisch visionär war Waus Verständnis vom Computer als einem möglichen individuellen Emanzipationsinstrument, während dieser im alternativen Mainstream zu Gründungszeiten des CCC im Jahre 1981 noch als Repressionsinstrument von Big Business, Big Government und Big Brother galt. Ich bin mir sicher, Wau Holland hätte auf der 0. Spackeriade eine Rede gehalten; es wäre eine Schlüsselrede geworden. Denn die Geschichte einer Ablehnung beginnt sich zu wiederholen. War das damalige Feindbild des linksalternativen Gefühligseligkeitshumanismus der Computer an sich, so ist es heute das sich langsam herausbildende und ins Nachmenschliche zu wachsen drohende Potential der universellen Vernetzung der Datenreisenden.

Behind Enemy Lines?

Auch wenn die Spacken sich auf dem 28C3 für ihre letzten vorbereitenden Gespräche der 0. Spackeriade im sticky “Bällebad” des Art & Beauty im bcc getroffen hatten, war das “Endorsement” bei den offiziellen CCC-Granden wie manchen Engeln an der Basis für die im .HBC [8] benachbarten Komplementärveranstaltung der Spacken sehr zurückhaltend bis ‘bekreuzigend’. Während die bisherigen Off-Congress-Veranstaltungen z. B. der abgewiesenen Vorträge mit wohlwollenden Desinteresse begleitend wurden, war die Abgrenzung heuer schon deutlich: Spackeriade? “There were no results matching the query,” wirft die Suche auf dem 28C3-Wiki aus.

Wenn das so weiter geht – und die Fassungslosigkeit und bisweilen schon persönlich unangenehm werdende Entfremdung zwischen diesen Lagern macht es nicht gänzlich unwahrscheinlich –, wird in Zukunft einem Unvereinbarkeitbeschluss zwischen Congressteilnahme und Spackeriade führen; offiziell von CCC-Seiten natürlich mit der Begründung eines sowieso schon überbuchten Congresses. Es droht das reziprok-paradoxe Ergebnis, dass sich die Post-Privacy-Spacken klandestiner und konspirativer Methoden bedienen werden müssen, um sich den Congressbesuch erschleichen zu können, während gleichermaßen die CCC Veranstaltungs GmbH biometrische Zugangsschranken mit der Auswertung der stationär vor dem .HBC kreisenden Qudrocoptern füttert, um deren feindselige Infiltration zu unterbinden. So bekommt das 28C3-Motto des sich “Hinter-feindlichen-Linien-Tunmmelns wenigstens praktische Relevanz, ohne dass sich eines der Lager überhaupt dahin bewegen müsste. Soweit jedenfalls die “Spökenkiekerei” [9] von @mspro, @erlehmann und mir anlässlich der nachcongresslichen #Tassebier auf der c-base.

Quo vadis?

Es ist interessant, wie eine aus dem Off kommende Untergrundbewegung wie der Chaos Computer Club mit zunehmend gesamtgesellschaftlicher Akzeptanz und Etabliertheit Flanken gegenüber neuen Fragenstellungen aufreisst, deren Legitimität nicht einmal als intellektuell inspirierend verstanden wird. Der CCC regiert auf die Post-Privacy-Idee hilflos wie Greenpeace auf Klimawandel-Euphoriker: ”No fine wines from Norwegian woods, please.” Die Antwort ist pater- bzw. maternalistich (die Zuschreibung auf “Spacken” geht auf schließlich auf eine der von der masochistisch veranlagten politischen Klasse neuerdings geschätzten “rotzfrechen” Bemerkung Constanze Kurz’ zurück) und gerät ins Stockkonservative: “Spielt nicht mit den Schmuddelkindern!” Wenn die Spacken im schlimmsten Falle als Vorbereitungsnazis gelten mögen, die der kommenden Überwachungsgesellschaft den totalitaristischen Stachel rechtzeitig ziehen möchten, so ist dies die angemessene Reaktion auf die jetzt schon gelebte Wirklichkeit. Dass darüberhinaus manche Diskussionen innerhalb der Spackeria durch utopieverdächtige Totaltransparenzvorstellungen geprägt zu sein scheinen, denen nach durch einen wirksamen Datenschutz Dritter sogar das Ausleben der eigenen “Datalove” unzulässig beschnitten wird, ist zumindest eine neue radikale Freiheitperspektive, die sich einmal nicht auf die sonst üblichen bloß noch fatalistisch links-defensiven Einhegungsaktivitäten beschränkt.

Damit einhergehend gab es gegenüber manchen gar nicht so neuen Gepflogenheiten auf dem Chaos Communication Congress dieses Jahr eine deutlich wahrnehmbare Kritik seitens der feministischen ‘Diskurspolizei’ – Stichwort: #Genderifizierung. Und das ist gut so. Das alles kommt mir beinahe wie ein historisches Re-enactment der SDS-Frauenbewegung vor, die die damaligen männlichen Vorstinker auf den Vortragspodien ebenfalls sehr überraschte. Die neue und meines Erachtens übersensibilisierte Political Correctness (“Balls of Steel-Award”) resultiert übrigens aus den Diskussionen, die die dem Chaosumfeld nahe stehenden Piraten schon erleben durften. Im knallharten politischen Parteienwettkampf wurde der noch um Welpenschutz bemühten jungen Partei schon in die meist männlichen Weichteile getreten. Oder den “höhnischen Unterton” [10] einer Congress-Traditionsveranstaltung emulierend: Dass diese Diskussion den CCC nicht unberührt lassen würde, ist vielleicht der Security Nightmare, über den wir nächsten Jahr am lautesten gelacht haben werden.

[1] Berlin Beta 3.0 Conference: RE:LOAD | Digital Delirium
[2] Telepolis: “Alles ist eins – außer der Null” von Stefan Krempl
[3] 28C3: Behind Enemy Lines-Veranstaltungs-Wiki
[4] Programm und Videos der 0. Spackeriade
[5]Paronoia & 9/11-Aftermath im Design des 18C3
[6] ARD-Magazin PANORAMA: “Von Mao zu Hitler: Studentenführer von 68 als Rechtsradikale” von Volker Steinhoff
[7] Video des #Spack0 abschließenden Meta-Panels “Spackeria FAILs Spezial”
[8] Website des .HBC – das ehemalige Haus Ungarn in Berlin-Mitte
[9] i heart digital life: zur nullten spackeriade. Lesenwert mit etymologischen Erkenntnissen zum Begriff “Spacke”
[10] mspro’s Blog Hier: Hacker, Geniekult und Kontrollverlust

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“C wie Zersetzung.” Chaos Communication Camp 2011: Der lange Tag 5

"Nichts ist, wie es scheint." Wieviel Transparenz verträgt die Wahrheit und wem nutzt das? Source: gallery.rasda.de "AllColoursAreBeautiful"

Warum zieht es Institutionen, Parteien oder auch nur Primärkontaktgruppen (sog. Familien) regelmäßig im Sommer aufs Feld zum Camping? Sommerlager der Falken, der Wiking-Jugend, der Pfadfinder oder – in ungewöhnlich einträchtiger niederländisch-deutscher Abstimmung – alle zwei Jahre die Camps der internationalen Hacker Community? Es geht im wahrsten Sinne um Kampagnenfähigkeit – um Mobilisierung, Dislozierung und Power Projection: Was wir können, was wir machen, was wir sind, das können wir unter ganz anderen schwierigeren Bedingungen ebenso leisten, beweisen, darstellen.  Seht her! Wenn wir das schon auf dem Acker hinkriegen, dann denkt mal drüber nach, wie wir unter normalen Umständen  performen!

Kampagnenfähigkeit benötigt Disruption – den Ausstieg aus dem Alltag. Quer gegen alle normalen Arbeitsteilungen und Hierarchien werden in einer solchen disruptiven Kampagne neue Teamkonstellationen zusammen gewürfelt, wie sie sich sonst nicht ergeben würden.  Auf einmal finden sich die Leute mit LKW-Führerschein zusammen, die Hobbyköche machen gemeinsame Volxküche, die Macher trennen sich von den Trägern  – ob von Bedenken oder Verantwortung. Das wird beim Chaos Computer Club und seinen Erfa-Franchisenehmern nicht anders sein. Ein bestimmt auch noch einmal von den jährlichen Chaos Communication Congress-Crews unterschiedenes Team geht an diese seit 1999 alle vier Jahre statt findende Sommerveranstaltung heran, opfert Zeit, Energie, Urlaub, um unvergessliche Momente zu schaffen. [1]

Nur der Vorstand des Chaos Computer Clubs, der in Hamburg eingetragenen Dachorganisation, scheint nicht so stark in die Arbeit vor Ort eingebunden gewesen zu sein, als dass er nicht diesen Freiraum ohne Not zu Nutzen gewusst hätte, der interessierten Öffentlichkeit ins Bewusstsein zu bringen, dass er existiert und damit das CCCamp 2011 mit einem ganz besonderen Finale zu bereichern. Vorstand, aber Nicht-mehr-Sprecher Andy Müller-Maguhn hatte in der wohl ungewöhnlich rasch auf die aktuelle Entwicklungen vom Mittwoch reagierende klassische Printausgabe des “ehemaligen Nachrichtenmagazins” (in chaosnahen Kreisen oft gehörtes Synonym für Der Spiegel) ein Interview gegeben, von dem später auf SpOn dann nur schwerumwölkte, aber für die CCC-Vorstandskollegen wohl richtungsgebende Auszüge veröffentlicht wurden. [2]

Ich kann über die Wikileaks- vs. OpenLeaks-Debatte und den den beteiligten Protagonisten zustehenden jeweils größeren Misskredit nicht spekulieren, aber die dann durch eine Pressemitteilung des CCC (“Finowfurt, den 13.08.2011″) kommunizierte (dem Vernehmen nach “einstimmige”, d. h. nicht “einmütige”) Entscheidung über den Ausschluss des OpenLeaks-Frontmenschen Daniel Domscheit-Berg, ist mehr als nur “unsouverän” (so Frank Rieger, der als “Sprecher” zusammen mit Constanze Kurz in den letzten Jahren stark das Bild des CCC als einer diskursbestimmenden zivilgesellschaftlich integrierenden überparteilichen Kraft geprägt hat). [3]

Was bisher geschah, lest ihr am besten hier:

  • Linus Neumann: Kommentar: Vorstand schmeißt Daniel Domscheit-Berg aus dem CCC [4]
  • Philip Banse: Eitler Hahnenkampf beim CCC – Chaos Computer-Club wirft Domscheit-Berg raus [5]

Ich kann Philip Banse nur zustimmen, da ich den Auftritt Domscheit-Bergs per Stream mitbekommen habe, und er definitiv dort nichts von einem irgendwie “CCC-zertifizierten Projekt” erzählt hatte. Ich hatte seine Ankündigung zur testweisen Öffnung der OpenLeaks-Plattform sogar eher als Zugeständnis an die Community denn als Einvernahme zu Marketing-Zwecken verstanden, die endlich einmal was Belastbares von diesem bisher stets nur angekündigten Ding sehen wollte. Sie haben dann ja auch den Testbetrieb nicht in der Weise zum Laufen bekommen.

Und darüberhinaus halte ich das ganze Projekt OpenLeaks für einen totalen technik-euphemistischen Pseudo-Lösung für ein Problem, das auf ganz anderer Ebene gelöst werden muss. Tosten Kleinz hat hierzu in seinem Notizblog zumindest mal für mich klargezogen, was bisher im “Hahnenkampf” viel zu kurz gekommen ist:

“Die Produktion neutraler brauner Umschläge wurde nicht eingestellt. Wenn ihr etwas habt, das unbedingt an die Öffentlichkeit sollte: packt es in einen solchem Umschlag und schickt es einem Journalisten oder einer NGO, der ihr vertraut. Wenn ihr paranoid seid, zieht Handschuhe an und hinterlasst keine Speichelspuren auf der Briefmarke.” [6]

Wichtiger ist aber am unsolidarischen und unklugen Vorstandsbeschluss des CCC, der im übrigen bei den großen Zweifeln an der Seriosität von OL  zuerst einmal den Vortrag von Domscheit-Berg im offiziellen CCCamp-Programm hätte skippen lassen können, was Peter Glaser dann so luzide imaginativ zusammen gefasst hat:

“Wenn ich bei einem Geheimdienst wäre, würd ich mich heute still lächelnd vors Kaminfeuer setzen und mir die Hände reiben.” [7]

Die Zersetzung oppositioneller Kräfte ist ja wohl das effektivste Mittel, über das die geheimen Dienste verfügen, da die Macht des Mobbings inherent in allen zwischenmenschlichen Bereichen, aber besonders unter so herausragenden und engagierten Inidividuen und Diven virulent ist. Gerade der sonst so auf alles und jeden im Fnord-Jahresrückblick herabschauende CCC hätte in seinen Vorstandsbeschluss unter diesen Auspizien betrachten müssen – egal, ob hier reale Zersetzung vorliegt oder man nur Paranoia schiebt.

Apropos Paranoia: Ich finde es ja einen großartigen hacktivistischen Akt von Social Engineering, dass es Daniel Domscheit-Berg gelungen ist, alle Welt (und vielleicht auch die “Granden” des CCC) Glauben zu machen, er hätte anstelle eines einzelnen Gebrauchtrechners ein hocheffektiv verteiltes Servernetzwerk mit den Wikileaksdaten angelegt. Wenn er das im Angesicht der Gegner, denen WL die Hosen runter gezogen hat, ernsthaft vom Glaubwürdigkeits-Konto abbucht, der sollte wirklich weiter mit Förmchen in der Sandbox spielen.

Zu guter Letzt hat sich der CCC als “galaktische  Gemeinschaft von Datenreisenden” mit seinem über 30 Jahre erlangten souveränen Status, der es ihm zunehmend erlaubte, das politische Establishment in immer stärkeren Maße vor sich her zu treiben und permanent zu demütigen, einen bemerkenswerten Wiedereintritt in die Sphären des Irdischen und Unterirdischen geleistet. Das wird uns allen schaden.; in vier Jahren wird es aber wieder ein Chaos Communication Camp geben.

UPDATE: Vielleicht aufgrund der aufreizenden Headline dieses Posts ging der RBB mit seiner TRACKBACK-Redaktion steil und hat mich am Samstag, den 20. August 2011 in der Live-Sendung kurz telefonisch verhört. [8]

[1] soup.io: Aggregiertes #CCCamp11 in schönen Bildern
[2] SpOn: Chaos Computer Club: Hacker distanzieren sich von OpenLeaks
[3] @frank_rieger
[4] Netzpolitik.org: Kommentar: Vorstand schmeißt Daniel Domscheit-Berg aus dem CCC
[5] Deutschlandradio Kultur: Eitler Hahnenkampf beim CCC – Chaos Computer-Club wirft Domscheit-Berg raus
[6] notizblog: Das Verdienst von Wikileaks
[7] @peterglaser
[8] TRACKBACK-Podacst TRB 243 von Radio Fritz. Mein Kurzeinsatz bei Minute 10.16

Das Foto oben von der “AllColoursAreBeautiful”-Installation auf dem CCCAmp2011 wurde PHUTURAMA freundlicherweise von rasda zur Verfügung gestellt: http://gallery.rasda.de/v/cccamp11/

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“Space flight is dirty.” Chaos Communication Camp 2011: Tag 4

Raumfahrtprogramm selbstgestrickt? Baikounur City #2, International School of Space, Kazakhstan, 2011 von Vincent Fournier (via core 77)

Das Chaos Communication Camp wird diese Nacht Samstag auf Sonntag den “Re-entry to Normality” einleiten, denn es ist mit all seiner bunten Fairground Attraction-Haftigkeit ein wirkliches Kind der Nacht. Die Vortragssschiene in den beiden Shelter-Hangars Baikonur und Kourou steht im Vergleich zum jährlichen Chaos Communication Congress eher im Hintergrund.

Vielleicht aus diese Sonderheit hat es sich ergeben, dass ein offensichtlich kuratierter Themenschwerpunkt “autonome Raumfahrt” das Vortragsprogramm dominiert hat. Ich habe zu wenig davon gehört, um ein fundiertes Urteil über die Vorträge mir erlauben zu können, aber aus meiner Sicht ist es erquicklicher übers CCCamp zu laufen und sich mit den vielen interessanten Menschen dort direkt zu unterhalten.

Der CCC hat von seinem Start vor dreißig Jahren an ein echtes Stein im Brett bei den Medien. Ein so spekulatives wie thematisch fragwürdiges Programm wie der “Hackers in Space”-Initiative der Auftaktveranstaltung [1] wäre anderen Institutionen zu Recht um die Ohren gehauen worden. Judith Horchert muss sich bei ihrem Beitrag für SPIEGEL Online schon ganz schön winden, um der Sache ein dem CCC gemäßen seriösen Spin zu geben. [2]

Neben Schwächen in der Vortragsperformance der gleich drei (!) Keynöter hätte solche in disruptiver Ansatz für eine raumgreifende Agenda, die zu allererst einmal das Kernkompetenzfeld der Hacker Community zu überdehnen scheint, wirklich mit allen rhetorischen und vortragstechnischen Wassern gewaschen sein sollen. Im nicht ganz unkundigen Publikum war eine merkwürdige Betretenheit zwischen Fremdschämen und einem durchaus motiervierbaren Willen zur Begeisterung zu erspüren. Der Applaus war dann auch enden wollend – und nicht das Fanal für den Beginn einer neuen Ära in der Weltraumfahrt.

Warum auch, auf den CCC-Veranstaltungen sind seit Jahren raumfahrtspezifische Themen und autonome Bastlergruppen mit Zug zum Höheren zugegen. Diese Ansätze zu bündeln, ist eine gute Idee, aber die Promoter von “Hackers in Space” sollten dann auch ihre Hausaufgaben machen. Während der an die Keynote anknüpfende kurze Q&A wurde das erste Missionsziel für 2015 – ein Hacker-eigener Kommunikationssatellit – von Teilnehmern aus der Amateurfunkszene für obsolet erklärt. Demnach können schon seit Jahren kleine Amateurfunksatelliten als Non-Payload (vulgo: Ballast zum Trimmen o. ä.) auf diversen institutionellen Missionen mitreisen.

Sich in die historische Tradition der Raketenpionieren Hermann Oberth und Wernher von Braun “einzufnorden” wie es Lars Weiler in der Keynote getan hat, ist einerseits richtig, aber die Jahre zwischen 1933 bis nach dem Krieg als “Zwangspause” zu bezeichnen, ist beinahe schon Naziverbrechensverniedlichung. Im Gegenteil, zu Zeiten des Dritten Reichs haben eine Menge Aggregat V-Raketen (aka V2) die Grenze zum Weltraum gekratzt und relevante Grundlagen der Space Transportation ermittelt – leider meistens mit tödlicher Payload für London und Umgebung.

Schlimmer noch, dass bei der industriellen Fertigung der V2 in den unterirdischen KZ-Fabriken mehr Menschen umgekommen als bei den Angriffen selbst. So was an dieser Stelle zu übergehen ist einfach tödlich – und hätte bei weniger toleranter Medienbegleitung “shitstormig” werden können auf dem sowieso schon von durchwachsenen Wetter gebeutelten CCCamp 2011.

Es ist bezeichnend, wenn ausgerechnet Johannes Grenzfurthner vom für jeden Spaß zu habenden situationistisch-austroanarchischen Künstlerunding monochrom [3] in der “Hackers in Space”-Diskussion sich als “Stimme der Vernunft” zu Wort meldet und auf die ethischen Aporien einer hacktivistischen Raumfahrtagenda hinweisen muss, da eine solche immer auch auf die militärisch geprägten Infrastrukturen von “Big Space” aufsetzen muss.

Der Einwand ist berechtigt, aber auch im IT-Kernbereich der Hacker Culture sind die Infrastrukturen militärisch-industriell kontaminiert – ohne gleich wieder die DARPA-Legende vom angeblich auf Nuklearkriegsüberlebenstauglichkeit hinentwickelten Internet Protokoll hervorzukramen. Persönlich hätte ich die ständig ansteigende  ”Cyberwar”-Obsession in der Mainstream-Öffentlichkeit mal zum Schwerpunktthema fürs Chaos Communication Camp auserkoren – vielleicht mit einer Cyber-Abrüstungsinitiative des CCC und seiner internationalen Partner?

Wen das Weltraumfieber trotzdem nicht los läßt – dem seien hier noch die vielen weiteren nicht nur skurrilen, sondern vor allem faszinierenden Fotos aus Vincent Fourniers Fotozyklus SPACE PROJECT empfohlen. [4]

[1] CCCamp-Fahrplan: Hackers in Space – A Modest Proposal for the Next 23 Years
[2] SPIEGEL Online: Sommercamp des Chaos Computer Clubs – Hacker träumen von der Mondlandung
[3] PHUTURAMA: monochrom’s ISS über Berlin: Mehr Lokalisation wagen!]
[4] Flash-Portfolio-Website von Vincent Fournier

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“Unter Zombie-Jets.” Chaos Communication Camp 2011: Tag 3

Friedhöfe zu Museen? Die Mikojan-Gurewitsch MiG-21 ist mit mehr als 11.000 Exemplaren eine Art 911er der Lüfte in den früheren Ostblockluftstreitkräften gewesen.

Das CCCamp2011 findet auf dem Gelände eines ehemaligen sowjetischen Luftwaffenstützpunkts in der DDR statt, das heute als Luftfahrtmuseum Finowfurt [1] auch als Open-Air-Veranstaltungsfläche genutzt wird. Angeblich wurde der Platz schon viel früher auf Grund besonders stabiler Wetterverhältnisse als Flugfeld in der Brandenburger Schorfheide ausgewählt. Das hat sich wohl geändert, wenn man das diesjährige Wetter betrachtet.

Das eigentliche Luftfahrtmuseum, insbesondere mit seinen Ausstellungsstücken im Freien, macht auf mich jedoch keinen guten Eindruck. Die demilitarisierten und auf Grund des Kriegswaffenkontrollgesetzes ihrer Triebwerke beraubten Maschinen aus DDR- und UdSSR-Beständen rotten erkennbar vor sich hin und werden Opfer von Vandalismus und Souvenierjägern. Ob es dann noch hilfreich ist, wenn eine ehemals stolze MiG-23 zur Leinwand eines unterinspirierten Pinselschwingers wird? (Ein Bild davon zeige ich hier [2] nicht.)

Allerdings wird in Finowfurt nur evident, was aus meiner Sicht die Crux vieler Technik- insbesondere Luftfahrtmuseen [3] ist, dass sie nämlich die Asche präsentieren anstatt zu zeigen, was Feuer ist. Mein Unbehagen wird auch noch von auch unter der diesjährigen CCCAmp-Agenda bestärkt, die ein hacktivistisches Raumfahrtprogramm propagiert, aber gleichzeitig zwischen verrottenden Technik-Highlights des militärisch-industriellen Ostblocks abfeiert.

Auch wenn mir klar ist, dass die Aufrechterhaltung eines Flugbetriebs dieser betagten hochkomplexen Systeme auch unter heutigen zulassungsspezifischen wie den  militärisch gegebenen Einschränkungen nicht einfach ist. Und natürlich sind diese Geräte vor allem Waffensysteme gewesen und nicht einfach nur schön anzuschauende faszinöse Flugsaurier.

Selbst die reichsten und eitelsten US-Milliardäre scheinen es nicht hinzukriegen zu privaten Zwecken interessanteres Luftgerät in Betrieb zu halten. Ich weiß nicht vom Unterhalt privater Lockheed F 104 Starfighter oder gar sowjetischen Materials wie einer MiG 21, MiG 23 oder der bis vor einigen Jahren noch bei der Luftwaffe geflogenen MiG 29. Alles, was ich sehe sind ehemalige Jet Trainer aus der Tschechoslowakischen Republik und andere Schulungsmaschinen.

Was tun? Nun gerade die robusten Maschinen sowjetischer Bauart sind in diversen Ländern dieser Welt immer noch im Einsatz – und unglücklicherweise meist nicht als Museumsflieger. Das bedeutet aber, dass es noch eine logistische Systemumgebung zum Unterhalt dieser Maschinen gibt, die für zivile luftfahrthistorische Demonstartoren unter “fliegenden Denkmalschutz” mit Unterstützung der öffentlichen Hand genutzt werden könnten. Vielleicht könnte man sogar zweifelhaft Regime eine Konversion schmackhaft machen und das alte Geraffel zurückkaufen. Der libysche Bürgerkrieg hat gezeigt, dass selbst ein wohlhabendes Regime nur einen kleinen Teil seiner nominalen Luftwaffe effektiv in den Einsatz bringen kann – zum Glück!

Absurde Idee? Alte Burgen, Festungen, Schlösser, Stadtmauern waren auch in erster Linie bodengebundene militärische Verteidigungssysteme, deren Einbeziehung unter den Dankmalschutz heute niemand ernsthaft in Frage stellt. Warum soll das für die Meilensteine des Möglichen in Sachen Aviation und Aeronautik nicht gelten dürfen?

Im übrigen möchte ich, dass einige Concorde wieder in Betrieb genommen werden! Virgin-Eigner Richard Branson soll das mal ernsthaft geprüft haben [4] – aber der will offensichtlich auch erst einmal in Weltall.

[1] Website des Luftfahrtmuseums Finowfurt
[2] Benjamin Weiss hat von dem Vogel ein Bild auf g+ gepostet
[3] Das Luftfahrtmeuseum der Bundeswehr in Gatow beherbergt auf dem Rollfeld ebenfalls eine beeindruckende Flotte stillgelegten Fluggerät, das ebenfalls still verrottet
[4] Meldung der Daily Mail hierzu, allerdings ohne Datumsangabe

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“Reichsflugscheibchen” by Iron Sky? Chaos Communication Camp: Tag 2

Ganz die Mutter! Iron Sky-Mini-Walkyr als Filmrequisite im Luftfahrtmuseum Finowfurt? Das Chaos Communication Camp 2011 gewährt den Blick auf mannigfaltiges Raumfluggerät. Source: ironsky.net (oben) und mein iPhone (unten)

Die meisten werden schon von Iron Sky [1], dem für Frühjahr 2012 angekündigten crowdgefundeten Science Fiction-Filmprojekt aus Finnland gehört haben. Seit einigen Jahren macht das Fundraising-Team hierzu Propaganda mit zunehmend besser gemachten Teaserfilmen, aber auch Vorort-Promotions auf internationalen Filmfestivals – so z. B. zur Berlinale 2010 mit einer Party in der c-base – Raumstation unterhalb Berlin. [2]

Die politisch bewusst unkorrekt inszenierte Iron Sky-Exposition nimmt sich einer der liebst gewonnenen Verschwörungsmuster der esoterischen Rechten an, nachdem das letzte Aufgebot der Nazis sich 1945 im Angesicht des zu verlierenden Krieges erst in die Antarktis (“Neuschwabenland”) [3] und von dort entweder in die Hohlweltsphäre unserer Mutter Erde zurückgezogen haben oder aber alternativ von dort mit dem geheimen Wunderwaffen-Prototypen der raumtauglichen energiefeldbetriebenen ‘Reichsflugscheibe’ (aka Haunebu, Repulsine oder auch Andromeda-Projekt) [4] zum Mond ausgewandert sind. Ein taktischer Rückzug: nach Iron Sky nämlich werden die Nazis 2018 – wahrscheinlich in Angedenken des 100. Jahrestags des “Versailler Schandvertrags” der Siegermächte des 1. Weltkriegs – zurückkehren und mal Fraktur reden: “We come in Peace.”

Während ich noch unter dem Eindruck des gestrigen Starts des hacktivistischen Raumfahrtprogramms stand, bin ich beim Umherstreifen auf erste Anzeichen gestoßen, dass Iron Sky auch als Crowdsourcing-Programm bis weit in die Brandenburger Schorfheide vorgedrungen sein muss. Leider habe ich zu dem hier abgebildeten Filmmodell in einem der momentan nicht vom #CCCamp2011 genutzten Hangars noch keine weiteren Angaben zu dem “Reichsflugscheibchen” gefunden, das aber, wie oben zu sehen, perfekt mit dem großen Walkyr-Invasionsgerät des Films harmonieren würde.

Ich werde aber in den nächsten Tagen Erkundigungen einholen. Bis dahin hier noch der zweite von drei Iron Sky-Teasern, der die große Professionalisierung im Laufe des Projekts verdeutlicht:

UPDATE: So, Ingo Eberhardt (@oschni) [5] war so nett mich über die Filmrequisite aufzuklären: Die RTL-Eigenproduktion Undercover Love (Erstausstrahlung: 30. Dezember 2010) – eine Agentenfilm-Parodie – benötigte das Scheibchen für eine Verfolgungsjagd durch Berlin. Das von Iron Sky beeinflusste Nazi-Exploitation-Setting stand hier natürlich dennoch Pate. [6]

[1] Offizielle Website von Iron Sky
[2] c-base Logbucheintrag vom 12. Februar 2010
[3] WP: Unterpunkt zur Erforschung #Neuschwabenlands durch das Deutsche Reich
[4] WP: Reichsflugscheibe
[5] dem oschni sein blog
[6] MikroKopter-Forum: Weitere Fotos und Links hierzu

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“Holzklasse ins All?” Chaos Communication Camp 2011: Tag 1

"Laser auf Span (2011)" Meine risszeichnerische Interpretation des Innenlebens der CCCRocket-Ikone hat Frank Rieger mit dem Lasercutter der raumfahrtagentur in Span gebrannt. Das Signet selbst wurde von Marten Suhr für das CCCamp 1999 entworfen; 2003 das lebensgroße Modell dazu gebaut.

Die nächsten Tage bin ich auf dem Chaos Communication Camp [1] auf dem Gelände des Luftfahrtmuseums Finowfurt [2]untergekommen im weiträumigen c-base Village. Die Ankunft gestern an Tag 0 war nach Einbruch der Dunkelheit phantastisch, da die CCC-Orga mit ihren Helfern von Art Event eine Fusion-artige Atmosphäre hingezaubert hatten [3] – aber noch ganz still trotz schon gut gefüllter Campingareale. Das vierte CCCamp seit Altlandsberg 1999 knüpft an die Aufbruchstimmung von damals an – diesmal mit dem Aufruf an die internationale Hacker Community, den Weltraum nicht nur metaphorisch zu erobern.

Diese Auftaktveranstaltung samt des versuchten Agenda Setting zur ist semi-glücklich verlaufen. Ich glaube, mit einer ähnlichen auf drei nicht gleichermaßen perfekt frei englischsprachig Vortragende hätte auch JFK vor 50 Jahren Mühe gehabt, das Apollo-Programm zum Abheben zu bringen.

In einer Mischung aus 50-Jahre-Nostalgie und neuer ziviligesellschaftlicher wie privatwirtschaftlicher Initiative tut sich in Sachen Raumfahrt gerade eine Menge. Interessant auch, dass Tim Pritlove mit seiner Podcastreihe Raumzeit [4] für DLR & ESA gerade eine Menge Grundlagen unters Volk bringt – Tim, der maßgeblich die beiden Altlandsberger CCCamps als “Discordian Evangelist” initiiert hat.

Da ich zu der Zeit im c-base Outpost am Mariannenplatz 23 Tims Evangelisierung hautnah miterleben durfte, kenne ich den wie immer bei Tim langwierigen und kritischen Gestaltungsprozess, bis es c-base-Mitbegründer Marten Suhr (damals zur Designergruppe marplon4 gehörig) gelungen war, der inzwischen zur Ikone des Clubs gewordenen Rakete die richtige Knubbeligkeit, das korrekte Farbschema und den idealen Anflugwinkel zu verpassen.

Als begeisterter Zeuge des Prozesses habe ich dann Martens Outline genommen und mir eine quietschfidele Innenausstattung für die dazugehörige Risszeichnung ausgedacht, die dann auch im damaligen Camp Guide Aufnahme gefunden hat. Angelehnt war die 1999er-Campmission als Hommage an Douglas Adams The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy, die Rakete sollte im Auftrag der im Erdorbit kreisenden “turnschuhförmigen” Heart of Gold den Kontakt mit der der irdischen Hackergemeinde aufnehmen.

Um die Hintergrundlegende noch besser zu verdeutlichen, machte Marten Suhr auch noch ein damals Aufsehen erregendes kleines Promovideo The Rendezvous [5] (gefühlt Jahrzehnte vorm heutige üblichen YouTube-Embedding), an den der wiederum von Marten sowie c-base -3D-Artist e-Punk neue 2011er Camp-Trailer nach 12 Jahren Pause stilistisch nahtlos angeknüpft hat:

Für mich war die kleine Spaß-RZ zum Chaos Communication Camp 1999 eine tolle Übung, um bei Risszeichnungen, die ich zu der Zeit schon mit Freehand zu zeichnen begann, mal in Farbe zu versuchen. Es ist erstaunlich, wie schnell dies geht, wenn die grundsätzliche Anlage der Vektorobjekte darauf abgestellt ist.

Das habe ich auch umgekehrt gemerkt: Als Frank Rieger mich vor einiger Zeit gefragt hat, ob ich nicht einmal eine Risszeichnung vom auf der Raumfahrtagentur [6] im Stattbad Wedding stationierten Lasercutter brennen lassen wollte, dauerte die “Retroversion” auf eine Strichzeichnung der CCCRocket keine zwanzig Minuten. Nur bei der Aufbereitung der Vektordaten für den Lasercutter mussten wir dann letzte Woche einen Work-around machen, der zur Folge hatte, dass alle Pfadlinien jetzt doppelt vom Laser in die Holzspanplatte gebrannt wurden.

Damit sieht die gelaserte “Holzklasse”-Version der Rakete jetzt im Vergleich zu ihrer älteren, vektorglatten Schwester richtig geerdet aus.

[1] Offizielle CCCamp2011-Website des CCC
[2] Website des Luftfahrtmuseums Finowfurt
[3] Markus Beckedahl von netzpolitik.org hat hier einige Fotos von Tag 0 auf Flickr gestellt
[4] Raumzeit – Der Podcast über Raumfahrt von ESA und DLR
[5] Im Webarchiv des CCC sind einige Stills des CCCamp-Trailers von 1999 zu sehen.
[6] Die Raumfahrtagentur bei Hackerspaces.org

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