»Terminator: Die Auflösung«

Zähne zeigen – trotz mäßigen Erfolgs: »Terminator: Genisys«

Als 1984 der erste Terminator-Film in die Kinos kam, war dies ein Meilenstein des Science-Fiction-Genres. Schnell avancierte The Terminator zum Kultfilm und der Satz des Terminators (unnachahmlich von Arnold Schwarzenegger verkörpert) »I’ll be back!« hat mit Sicherheit ungezählte Unterhaltungen im wahren Leben, hoffentlich mit Augenzwinkern, beendet.

Der Erfolg des Films zog vier Fortsetzungen nach sich: Terminator 2 – Tag der Abrechnung (1991), Terminator 3 – Rebellion der Maschinen (2003) und Terminator: Die Erlösung (2009). Allerdings zeigten sich in Teil 3 und 4 bereits erhebliche Verschleißerscheinungen. Lang schon schien Skynet auserzählt – der Kampf der Menschheit gegen die Maschinen, die Geschichte von Sarah Connor, ihrem Sohn John und seinem Vater Kyle Rees, sowie dem legendären T-800.

Doch nun wird im neuen Film Terminator: Genisys [1] die Geschichte bzw. die Zeitlinien noch einmal um einige Facetten erweitert – oder auch verkompliziert. Wir befinden uns nun im Jahr 2029. Der finale Kampf der Skynet-Maschinen gegen die Menschheit, unter der Führung von John Connor (Jason Clarke), steht bevor. Skynet hat eine Zeitmaschine entwickelt, mit deren Hilfe ein Terminator (Arnold Schwarzenegger) ins Jahr 1984 geschickt werden soll, um Sarah Connor (Emilia Clarke) zu eliminieren, damit Rebellenführer John Connor niemals geboren wird. Kurz vor der Abschaltung Skynets kann der Terminator durch die Zeit gesandt werden. John Connor schickt seinen Kampfgefährten Kyle Reese (Jai Courtney) hinterher, um Sarah zu beschützen. Doch diese ist bereits bestens vorbereitet: Ihr zur Seite steht ein Terminator – ebenfalls verkörpert durch Arnold Schwarzenegger …

Gleich zu Beginn des Filmes erwartet den Zuschauer eine gigantische Welle der Zerstörung, wenn Skynet am ‘Judgement Day’ die Kontrolle übernimmt. Positiv fallen die zahlreichen Referenzen auf den ersten Terminator-Film auf. So kann der Zuschauer noch einmal die Szene erleben, in welcher der Terminator in nackter Bioummantelung im Jahr 1984 ankommt und drei Punks um deren Kleidung erleichtert. Kurze Zeit später begegnen sich der der alte und neue Terminator. Hinsichtlich der Special Effects ist da der Film hier zweifellos auf der Höhe der Zeit.

Nach dieser guten ersten halben Stunde trübt sich die Laune schnell ein. Das hat mehrere Gründe. Das Zusammenspiel von Emilia Clarke und Jai Courtney ist blutleer. Das mag dem Umstand geschuldet sein, dass die Protagonisten ständig auch versuchen müssen, dem Zuschauer die doch verwirrenden Zusammenhänge der Zeitlinien zu erklären. Da bleiben Emotionen und Unterhaltung auf der Strecke. Einzig Arnold Schwarzenegger sorgt mit einigen gelungenen One-linern und ironischen Anspielungen aufs Alter für eine humoristische Auflockerung des zähen Plots.

Desweiteren hat Regisseur Alan Taylor es völlig verschenkt einen tiefer gehenden Bezug zur aktuellen technischen Entwicklung herzustellen. War im Jahr 1984 Skynet noch eine Dystopie, sind wir heute technisch schon einen Schritt weiter. Doch interessante Aspekte wie Datensicherheit oder Überwachung (NSA-Affäre) werden bestenfalls nur angerissen. Aber vielleicht war es auch nicht die Absicht des Regisseurs auf diese Themen näher einzugehen. Aber vielleicht war es auch nicht die Absicht des Regisseurs auf diese Themen näher einzugehen.

Übrig bleibt ein halbgares Science-Fiction-Spektakel, das über weite Strecken den Zuschauer nicht erreicht. Von den Schauspielern sticht einzig Arnold Schwarzenegger heraus. Das ist zu wenig.

[1] Terminator: Genisys – Die offizielle Filmwebsite

“Geschichte einer Ablehnung”

Dieser Eröffnungsvortrag zur 1. Spackeriade [1] der “datenschutzkritischen Spackeria” [2] an Bord der c-base im letzten Herbst ist mir beim routinemäßigen Kontroll-Googlen wieder ins Gedächtnis gekommen, und ich möchte ihn hier mit euch teilen. Es gibt keinen besonderen aktuellen Anlass, wenn man mal die Referenz an die edition suhrkamp in den ‘Slides’ und die aktuelle Insolvenzschutzsituation des Suhrkamp-Verlags außer Acht läßt.

“Geschichte einer Ablehnung” von Gregor Sedlag from c-base on Vimeo.

Die ‘Slides’ sind auf Englisch, weil ich diesen Vortrag ursprünglich als Eingangsstatement beim Panel Post Privacy (part 1) beim von Tatiana Bazzichelli kuratierten reSource 001:Trial Crack [3] mit @tante (Jürgen Geuter) und @mspro (Michael Seeman) von reSource transmedial culture berlin genutzt habe.  Hier noch mein Einführungstext zum #Spack1-Vortrag:

Es ist interessant, wie eine selber aus dem gesellschaftlichen Off kommende Untergrundbewegung wie der Chaos Computer Club mit zunehmend gesamtgesellschaftlicher Akzeptanz und Etabliertheit Flanken gegenüber den neuen Fragestellungen von Post-Privacy, Data Love und dem “radikalen Recht des Anderen” (@mspro) aufreissen läßt, deren Legitimität nicht wenigstens einmal als intellektuell inspirierend verstanden werden, sondern in Bausch und Bogen als Angriff und Spaltung der “Netzgemeinde” verstanden werden. Der Tod von Apple-Gründer Steve Jobs im letzten Jahr hat die hippiesken Wurzeln der “kalifornischen Revolution” noch einmal in Erinnerung gerufen, wie sie durch Rainer Langhans wie auch der CCC-Mitbegründer Wau Holland in ihrer speziell bundesrepublikanischen Tradition der weltweiten Alternativbewegungen verkörpert wurde – der erste als Alt-68er, der jüngere Wau Holland als Protagonist der ernüchterten postradikalen 78er-Generation nach dem “deutschen Herbst”. Geradezu postideologisch visionär war Waus Verständnis vom Computer als einem möglichen individuellen Emanzipationsinstrument; galt dieser doch im links-alternativen Mainstream-Milieu zu den Gründungszeiten des CCC im Jahre 1981 noch als Repressionsinstrument von Big Business, Big Government und Big Brother. Es ist somit eine historische Ironie, dass sich die Geschichte einer Ablehnung zu wiederholen beginnt. War das damalige Feindbild des linksalternativen Gefühligkeitshumanismus der Computer an sich, so ist es heute das sich langsam herausbildende und ins Nachmenschliche zu wachsen drohende Potential der universellen Vernetzung der Datenreisenden.

[1] Programm der 1. Spackeriade (2012)
[2] Das Blog der datenschutzkritischen Spackeria
[3] reSource 001: Trial Crack

 

“Analog is the new digital” – Ein Fünkchen Zukunft für Frankfurt

Britta Friedrich von der Frankfurter Buchmesse und Veranstalterin der die Messe begleitenden StoryDrive-Konferenz hat zusammen mit newthinking-Projekt-Mastermind Andreas Wichmann 22 Personen, die etwas mit Medien machen, aus der Zukunft des Jahres 2022 heraus befragt – darunter auch mich.

Da dies naturgegeben technisch schwierig ist, haben unsere “Messages from the future” [2] einen spekulativen Blaustich und anachronistische Fehlübertragungen aus anderen Zeitlinien (Modem-Einwahlgeräusche).

Ob meine Zeitkapsel unter der illustren Schar von Medienmenschen – u. a. Günter Dueck, Markus Beckedahl oder Kristian Costa-Zahn – mithalten kann, sei mal euch überlassen, zumindest habe ich mit der steilen Ansage “Analog is the new digital” die kürzeste These überhaupt vertreten.

Ich habe mir alle 22 Beiträge angeschaut und finde das Projekt trotz der etwas formal einengenden Zukunftsmetapher gut, da hier einige auf den ersten Blick weitreichendere Science-Fiction-Szenarien zur Medienentwicklung ausgebreitet werden.

Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Kampagne im Vorfeld und als Countdown zur Buchmesse bei Teilen des konservativeren Publikums dort als “avantgardistisch” verstanden werden [3] – und was vielleicht nicht immer als Kompliment gemeint war.

Ich bin im Rahmen dieses Projekts auch am Samstag, den 13. Oktober 2012 ab 13.30 auf der Frankfurter Buchmesse als Teilnehmer beim StoryDrive Festival-Workshop “Ideenreich Zukunft: Das Morgen im Heute” anzutreffen. [4]

[1] Message from the future #6 – “Anlog ist new digital” inklusive Background-Interview
[2] #FBM12 StoryDrive “Messages from the future”
[3] Facebook-Post von Andreas Wichmann
[4] StoryDrive Festival-Workshop “Ideenreich Zukunft: Das Morgen im Heute”

“La Douleur Fantôme Hermétique.” Mœbius, Jean Giraud et Gir

Diesmal zu den Sternen! Wenn es nur nicht die Iso-Zen sind, würden wir, seine Adepten, Mœbius in den Abstraktraum folgen, um diesem sinnentleerten luftdichten Phantomschmerz zu entgehen. (Sauce: quenched consciousness)

Das Werk von Mœbius aka Jean Giraud [1] ist ein beständiges ästhetisches Hintergrundrauschen eines gewaltigen zeichnerischen Urknalls, dessen heiße expansive Phase von Mitte der 1960er bis Ende der 1980er dauerte. Der Strahlungsschock hat das gesamte Genre der spekulativen, fantastischen und utopischen Bilderwelten in Comics, Film und Games für alle Zeiten gezeichnet.

Für mich hier in PHUTURAMA war Mœbius so omnipräsent, das ich bisher gar keinen eigenständigen Post zu ihm schreiben musste – und sich mir aufgrund der ausufernden Vielfalt seines Werks auch keine umfassende thematische Klammer aufgedrängt hätte. Um sein allgegenwärtiges Genie trotzdem zu würdigen, hatte ich in letzter Zeit mehrfach das Moebiusband einfach gewendet und gebootlegte Arbeiten von ihm via quenched consciousness [2] zur Illustration der Themen verwandt, die keinen eigenen visuellen Trigger im PHUTURAMA-Sinne aufzuweisen hatten.

So hatte ich letzte Woche unter der Bildunterschrift “Die sozialen Netzwerkgiganten: Halb ziehen sie uns, halb steigen wir zu ihnen auf” eine mir passend erscheinende Zeichnung von Mœbius zur Illustration meines Beitrags “Digitaler Phantomschmerz.” Mein Abschied von Google+ [3] zweckverwandt. Seit heute gibt es in diesem Blog die Kategorie Mœbius / Jean Giraud, wo auch unter anderem dieser Einsatz seiner Illustrationen aufgelistet ist.

Unter dem Eindruck seines Tods und der schon dazu geschriebenen Beiträge wurde mir bewusst, dass die ausgewählte Seite aus Upon A Star [4] für den Google+ Beitrag auf besondere Art prophetisch gewesen ist. Jean Giraud Mœbius verläßt – gefolgt von all seinen Bewunderern und Adepten, also uns! – diesen Planeten (Auch als Anspielung auf Jean Girauds zehnjährige als beinahe bedingungslos beschriebene Gefolgschaft in der New-Age-Erlösungssekte des Jean-Paul Appel-Guéry aka Ios. Diesmal illustriert also Mœbius hier sich und sein Schicksal selbst:

“… and the Living Starcraft embraces them all for the Journey to come.” [5]

[1] Die Offizielle Website von Jean Giraud Mœbius
[2] quenched consciousness: “A blog exploring the work of Jean Giraud, aka Gir, aka Moebius.”
[3] PHUTURAMA: “Digitaler Phantomschmerz.” Mein Abschied von Google+
[4] quenched consciousness: “Has this happened to any of you today?”
[5] quenched consciousness: “Upon A Star”, Page 34

Hier der BBC-Beitrag Moebius Redux: A Life in Pictures über Jean Giraud auf YouTube via Nerdcore:

In den nächsten Tagen werde ich lesenswerte Nachrufe und weitere Bildressourcen hier verlinken.

FAZ: Im Banne der Meisterschaft. Zum Tod des Comicgenies Moebius von Andreas Platthaus
DIE ZEIT: Abenteurer mit Tusche und Graphit
TOR.COM: Moebius – The Visionary’s Visionary by Tim Maughan
NERDCORE: Moebius R. I.P.

“A Blind Spot of Eyeball Economy.” Mein Google+ Austritt aus der Spackeria-Perspektive

"Captcha!" Träumen SEO-Manager von Artificial Eyeballs? Generation-Nexus-6-Replikant Roy Batty macht der Aufmerksamkeitsökonomie schöne Augen (Quelle: Blade Runner)

Letzte Woche habe ich anläßlich, aber nicht unbedingt ursächlich des Inkrafttretens der neuen diensteübergreifenden Datenschutzrichtlinie meinen Google+ Account gelöscht. Ich habe darüber hier [1] und hier [2] zwei Posts verfasst. In den darauf folgenden Gesprächen sind mir aber noch ein paar Gedanken durch den Kopf geschossen, die ich hier einmal mit dem eigentlich nicht zwingend damit verbundenen 30. Todestags Philip K. Dicks [3] und des anstehenden 30. Jubiläums der bedeutendsten filmischen Adaption eines seiner Werke, nämlich Blade Runner (1982) [4] von Ridley Scott nach Dicks Erzählung Do Androids Dream of Electric Sheep? [5] montiert habe.

Während des ‘Löschens’ – ich gehe hier eher von einer Form des ‘Auskommentierens’ aus –  meines Google+ Accounts hat das System noch einmal ausdrücklich erklärt, dass alle meine Posts, Shares Beiträge Dritter sowie alle akkumulierten +1 aus dem System entfernt werden. Diese Konsequenz fand ich interessant. Ehrlich gesagt, hatte ich beim ‘Löschen’ meines Accounts mir nur vorgestellt, dass die von mir gebildeten Kreise entfallen, meine Präsenz in den Kreisen von anderen entfällt, sowie alle nicht-öffentlichen Beiträge oder Shares. Da ich Google+ überwiegend als öffentliche Plattform genutzt hatte, war ich so naiv, zu glauben, dass meine bisherigen Beiträge als Teil einer generell öffentlich zugänglichen Google+ Almende auch erhalten bleiben mögen.

In meinem blinden Fanatismus, Mountain View es jetzt aber mal richtig zu geben, wollte ich den Gedanken, den Google+ Account einfach stehen zu lassen gar nicht an mich heranlassen. So halte ich es mit einem comdirect-Konto, über das ich in 13 Jahren keinerlei Umsätze getätigt habe, und von dem mir regelmäßig per Post der Saldo € o,00 mitteilt wird. Im Sinne einer erweiterten Spackeria-Perspektive [6] habe ich mich sogar eines “Datenverbrechens” schuldig gemacht, wie mspro in seinem zur Open Mind 2010 gehaltenen Vortrag Das radikale Recht des Anderen [7] schreibt:

“Nein, hier wird für den Anderen entschieden und zwar ohne Kenntnis seines Interesses, seiner Filter und seiner Kompetenz.”
OK, ich habe mspros radikale Queryology, die das universale Quellenverständnis eines Historikers aus der methodologischen Forschung in die Gegenwart der persönlichen Alltagskommunikation überführt und radikal aktualisiert, bisher immer mehr als theoretisch mögliches Ideologiekonstrukt von erheblicher Abstraktionshöhe aufgefasst; diesmal aber habe ich bewusst wahrgenommen, dass mspros Proklamation dieses “radikalen Recht des Anderen” aktuelle Gültigkeit besitzt.

Mit der Löschung meines Google+ Accounts habe ich Dritten – und natürlich auch dem Systembetreiber Google als meinem direkten “Vertragspartner” –  im Rahmen der Aufmerksamkeitsökonomie einen zwar kleinen, aber doch substanziellen Wertverlust beigefügt. Menschen posten mehr oder weniger interessante Dinge, die von ihnen und ihren beteiligten Verkehrskreisen als relevant (oder nur lustig) angesehen werden. Mit der sorgfältigen Setzung eines Links, eines erklärenden Textes dazu, der Kommentierung eines schon bestehenden anderen Beitrags und dessen etwaigen +1 Auszeichnung wird Arbeit im sozialen Netzwerk geleistet. Diese Arbeit wird in gegenseitig anwachsender Vernetzung, Weiterleitung und Auflistung der +1 Aktionen akkumuliert und stellt ein – mit gewissen Aufwand auch in konventionellen ökonometrischen Kategorien zu fassendes – ‘Vermögen’ dar.

In meinem Fall – und ich war am 29. Februar 2012 vielleicht gar kein Einzelfall – wurden meine gesamten Shares und alle getätigten +1 Belohnungen den anderen Google+ Teilnehmern wieder entzogen. Dieses Vermögen wurde vernichtet. Das tut mir leid! Wenn ich die Verbindung zur ‘realen Welt’ ziehe, finde ich den aufscheinenden blinden Fleck in der sich manifestierenden “Eyeball Economy” bemerkenswert:

Stellt euch vor, mit der Löschung meines Sparkassen-Girokontos würde ich rückwirkend auf Jahre alle getätigten Überweisungen widerrufen und den Begünstigten damit entziehen – ohne dass diese Beträge bei mir oder sonst wem wieder auftauchen würden. Deflation galore!

Epilog:

Philip K. Dick starb vor 30 Jahren am  2. März 1982, Ridley Scotts Adaption von Dicks Erzählung kam als Blade Runner am 25. Juni 1982 in die US-Kinos (Deutschland-Start war im Oktober 1982). In einer der eindrucksvollsten Szenen der Filmgeschichte  (“Perhaps the most moving death soliloquy in cinematic history”)[8] sagt Rutger Hauer als charismatischer Anführer Roy der vergeblichen Replikanten-Aufbegehrens, der im Sterben das (Weiter-)Leben seines Widersachers Deckard ermöglicht – und damit den Claim des Replikanten-Herstellers Tyrell Corp. “Menschlicher als der Mensch” noch überbietet:

„Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet. Gigantische Schiffe, die brannten, draußen vor der Schulter des Orion. Und ich habe C-Beams gesehen, glitzernd im Dunkeln, nahe dem Tannhäuser Tor. All diese Momente werden verloren sein in der Zeit, so wie Tränen im Regen. [Pause] Zeit zu sterben.“
“I’ve seen things you people wouldn’t believe. Attack ships on fire off the shoulder of Orion. I watched C-beams glitter in the dark near the Tannhauser Gate. All those moments will be lost in time like tears in rain. [Pause] Time to die.”

“Digitaler Phantomschmerz.” Mein Abschied von Google+

Die sozialen Netzwerkgiganten: Halb ziehen sie uns, halb steigen wir zu ihnen auf. (Quelle: Mœbius aka Jean Giraud † 11. März 2012 via "quenched consciousness")

Gestern hatte ich mich spontan auf Grund der veränderten einheitlichen Datenschutzrichtlinie Googles hinreissen lassen, meinen Google+ Account [1] zu löschen. Mir gefiel die damit heraufziehende Problematik ganz und nicht, dass diese Dienste übergreifende Integration zu viel Wissen über mich über sehr unterschiedliche Nutzungsanlässe hinweg zusammenbringt und möglicherweise von Google gegen meine Interessen verknüpft wird.

Spätestens seit sich Googles Geschäftsmodells als das eines “Reclamebureaus” heraus kristallisiert hat, habe ich mich der weiteren Dienste eher  selten und in der Regel anonym bedient (Maps, Docs etc.). Die dieser Tage oft angesprochene und zur Löschung empfohlene individuelle Web-History hatte ich nie aktiviert, so dass alle möglichen Einträge nur gerätebezogen und damit weniger valide auf mich rückbezogen werden können </naiv>. Googles Ökosystem zentriert sich um die für uns Nutzer unangenehme Frage, wie Mountain View seinen werbetreibenden Kunden diese à point zuliefern kann. Dabei haben sich so interessante Spezialdienste wie Real-time-bidding [2] etabliert, die für mich nach dermaßen abgefahrener Science Fiction klingen, wie es sich nicht einmal William Gibson vorzustellen vermocht hatte. In dieser allgemeinen “If You’re Not Paying for It; You’re the Product”-Geschäftsmodellwelt tut sich eine immer weiter klaffende Schere zwischen unseren Nutzeransprüchen und der notwendigen Refinanzierungsstrategie der Anbieter auf, so dass ich einmal fragen möchte: Warum will Google (Twitter, Facebook etc.) mich denn nicht als (zahlenden) Kunden?

Der gestrige “Downgrade” meines Google-Accounts hat mich nachdenklich werden lassen ob des “digitalen Phantomschmerzes”, den ich mir jetzt mit dem endgültigen Verlust meiner akkumulierten Google+ Einträge aus immerhin einem halben Jahr eingehandelt habe. Google+ war für mich nur ein lauwarmer sozialer Zweitspielplatz, der mich zunehmend belastet hatte, aber wie abhängig bin ich dann vom wirklich intensiv genutzten Twitter? Es ist immer nur halb im Scherz gesprochen, wenn ich beim Evangelisieren sage: “Twitter hat mein Leben geändert.”

Gestern wollte ich mit Google Schluss machen (es hat nur zu Google+ gereicht – aus Gründen) – und trotzdem hatte ich den Anflug einer (natürlich auch narzisstisch geprägten) Depression wie nach einer echten Trennung. Juristen kennen in ihrer formalen Kategorisierung die besondere Problematik von Dauerschuldverhältnissen wie Miete, Ehe, Arbeit (für die es zum Teil spezialisierte Gerichtsstände gibt), Versorgern wie Kabel-TV-Anbietern, Gas-, Wasser, Stromlieferanten, Telefon- und Internet-Providern, Banken und Versicherungen oder von Kindheit oder Jugend an organisierten Partei- oder Religionszugehörigkeiten,  aber inzwischen gehört auch die Integration in ein sozialen Netzwerk wie Facebook, Twitter oder Google+ in diese Kategorie. Es hat damit eine existenzielle “Stickiness” erreicht, die ich für mich persönlich erst gar nicht für möglich gehalten hätte.

Das heißt, diese sozialen Netzwerke sind mir sehr wichtig, wichtiger als viel andere Dinge, für die ich regelmäßig Geld zahle, und wahrscheinlich geht es vielen so. Warum also die Verhältnisse nicht vom Kopf auf die Füße stellen und Kunde werden – und nicht deren Produkt bleiben? Dafür müssen die marktbeherrschenden Gratisdienste ihre unentgeltlichen Leistungen einschränken (oder vielleicht sogar von Staatswegen dazu gezwungen werden) und attraktive Kunden-Upgrades anbieten, die mich von der ganzen persönlichen Entäußerung gegenüber Dritten frei stellen und mir für faires Geld die von mir wirklich gewünschten Dienstleistungen wie Suche, Routen, Netzwerkkommunikation liefern.

Eine Kontigentierung von Leistungen könnte darüberhinaus das angemessenes Preisbewusstsein auf der Nutzer-/Kundenseite für die gebotenen Dienste wiedererwecken. Denn jetzt sind die Carbon-Footprints einer jeden Suchanfrage, einer jeden abgeschickten E-Mail oder einesjeden Facebook-Likes nur virtuelle Erinnerungsposten in den Schlechtes-Gewissens-Bilanzen der Öko-Lobbys. Die vermeintliche Gratisnetzkultur, die uns Nutzer im Moment auf unheimliche Weise hinterrücks in Rechnung gestellt wird, operiert damit doch zu weiten Teilen nach Dumping-Prinzipien, die in der “Realwirtschaft” schon zum Teil seit über einhundert Jahren als gegen die guten Sitten, gegen den lauteren Wettbewerb und gegen den Verbraucherschutz verstoßend geächtet und sanktioniert werden.

Darüberhinaus erzielen die sozialen Netze eine täglich routiniertere Loyalitätspraxis, die die mich umgebenden staatlichen Instanzen, die (Stichwort: E-Government) als Verwaltungsapparate auch zügig zu IT-Infrastrukturdiensten mutieren werden, gar nicht mehr aufzubringen vermögen. Die Herausforderung der konventionellen nationalstaatlichen Bindungskräfte durch die Macht der sozialen Netze ist gar nicht deren aktuelle Organisationsmacht für zivilgesellschaftliches Aufbegehren wie im Arabischen Frühling, sondern ihr Potential, neue transnationale Loyalitätsgemeinschaften von politischer Wucht zu etablieren, die mich historisch an die Rolle der katholischen Kirche (Stichwort: Kulturkampf) bzw. später der internationalen Arbeiterbewegung und – tagesaktueller – an die den multinationalen Konzernen zugesprochene Machtfülle erinnern.

Der Film 8th Wonderland [3] hat dieses Unbehagen ebenso aufgezeigt wie die jüngst wohl von Facebook selbst (meiner völlig ungestützten Vermutung nach) unterbundene Aktion von Tobias Leingruber in Kooperation mit Supermarkt Berlin, Facebook ID-Cards [4] auszugeben. Das soziale Netzwerk möchte sich lieber unterm Radarschirm der politischen Aufmerksamkeit bewegen.

Hier der Trailer, den ich für ganz schön schmissig halte und nach den ganzen Wikileaks- und Anonymous-Kämpfen für mich fast schon authentisch wirkt:

[1] PHUTURAMA: “Good bye and thank you for the GIFs!” – Oder warum ich mein Google-Konto auflöse]
[2] WP: Real-Time-Bidding
[3] WP: 8th Wonderland (offenbar so schlecht, dass WP ihn schon als Löschkandidaten ausgemacht hat. Ich hatte den Trailer in guter Erinnerung.)
[4] Dressed like Machine: Ersetzt das den Ausweis? Die Facebook ID Card

Der Link zur Begleitillustration von Mœbius’ “Upon A Star”: Gesehen bei “quenched consciousness” aka theairtightgarage.tumblr.com.

“Good bye and thank you for the GIFs!” – Oder warum ich mein Google-Konto auflöse

The Long Good Bye eines utopischen Versprechens von universeller Güte. Illustration von Deth P. Sun (dethpsun.com)

Ich nehme die von Google jetzt proklamierte Vereinheitlichung der Datenzugriffs einmal als Gelegenheit war, mein Google-Konto aufzulösen und damit mich auch aus diesem sozialen Netzwerk zu verabschieden.

Redundancy is not a crime

Google+ hat für mich in Verbindung mit Twitter und Facebook keinen feststellbaren Mehrwert entfaltet. Praktisch niemand, den ich als sozialen Netzwerkpartner schätze, wird dadurch meiner Aufmerksamkeit entgehen. Aber alles doppelt und dreifach durch zu scrollen ist ja Zeitverschwendung. Dafür ist das Internet nicht gemacht.

Don’t be evil

Generell zu Googles bekannter Aussage “nichts Böses im Schilde zu führen”: Meine Lebenserfahrung lehrt mir, dass jemand. der eine solche Aussage schon als Disclaimer vor sich her trägt, natürlich und vor allem nur Ungutes im Sinn hat. Da ist mir eine Arschlochfirma wie Facebook, die wenig tut, um ihre eigennützigen bis ethisch fragwürdigen Aktivitäten zu kaschieren, im Endeffekt als das kleinere Übel fast schon sympathisch. Und als quasi-etabliertes Event-Registrierungssystem hat Facebook leider den Zwangsverpflichtungscharakter, den Google+ eben nicht besitzt. Das Datenschutzding ist für mich eher der Auslöser, um dieses mehrmonatige Experiment jetzt zu beenden. Nur weil ich finde, dass die Spackeria die richtigen Fragen stellt, muss ich mir persönlich Datenfrechheiten ja trotzdem nicht gefallen lassen.

Clustering

Google wird trotz des Scheiterns von Google+ im Netz weiterhin ein relevanter Player sein, aber die Chance einen eigenständiges soziales Netzwerk aufzusetzen ist vertan. Und das ist gut so – Google plus Facebook in einem Unternehmen gebündelt, bedeutete ein ungutes Klumpenrisiko für das Netz wie jeden Einzelnen. Einzelne ohne Google-Konto verfügbare Dienste werde ich weitehin gerne nutzen, wo es sich für mich anbietet – z. B. Chrome. Doch insgeheim freue ich mich gerade wie in einer donaldistischen Verschwörung gerade eine Suchmaschine namens Duck Duck Go als per Mundpropaganda rund geht – das erinnert an 1998 (oder 1999) als da diese minimalistische studentische Suchmaske auftauchte.

Google Docs war nie mein Ding, darauf kann ich gut verzichten, ebenso wie auf die Google Mail-Adresse. Ich habe mich während des Google+Profillöschvorgangs von Googles Autorität so einschüchtern lassen, dass ich mein Rumpf-Konto doch beibehalten werde. Ich bin jetzt ein “Downgrader”. [1]

Style does matter? Not.

Seit rund vierzehn Tagen bin ich auf Facebook aktiv und Google+ hat sich als hervorragendes Bootcamp für meine Anpassung auf das ungeliebte Fratzenbuch erwiesen. Klar, im Vergleich zu Facebook in seinem Windows 3.11-Style hat Google+ einige Eleganz und Aufgeräumtheit, aber eben ohne einen klaren Produktvorteil langt das nicht. Im Gegenteil Facebook hat inzwischen fast so einen rumpeligen Alltagscharme einer digitalen Berliner Pilsstube.

Resume: Good bye and thank you for the GIFs!

[1] PHUTURAMA: “Digitaler Phantomschmerz.” Mein Abschied von Google+ (Ein Post später)

Mein letzter Post bei Google+ (keine Ahnung, wie lange der noch linkt)
Deth P. Sun, Painter/Illustrator

“Die ganze Zukunft liegt von nun an in der Vergangenheit.” CTM.12 – SPECTRAL

"It is also about the disappearance of our own memories and data, things that we wanted to keep forever but which will, because of technological progress, the aging of a technique, or the self-destruction of a supporting system, soon no longer exist." The Ghost Off The Shelf, Exhibition CTM.12 – SPECTRAL

Heute vormittag fand die gemeinsame Pressekonferenz der seltsam verschwisterten Festivals transmediale 2k+12 in/compatible – festival for digital art and culture berlin [1] und CTM.12 SPECTRAL – Festival for Adventurous Music and Related Arts[2] im Haus der Kulturen der Welt statt. Da der CTM schon heute abend, Montag, den 30. Januar 2012 offiziell mit einer Aufführung eines Werks der französischen Elektro-Avantgarde-Komponistin Eliane Radigue [3] im Berliner Hebbel am Ufer 1 (HAU 1) beginnt, versuche ich hier schon einige Eindrücke vom geplanten Programm und von der schon seit Freitag im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien zusammenzufassen.

Jan Rohlfs, neben Oliver Baurhenn und Remco Schuurbiers die verantwortlichen Köpfe des aus einem begleitenden “Club Transmediale” hervorgegangenen Festivals für Wagnismusik und damit verwandte künstlerische Positionen, formulierte in der Pressekonferenz ein sehr umfassendes kuratorisches Statement [4], das im Wesentlichen um das wachsende Unbehagen am “Kontrollverlust” (diesen Begriff hat er nicht gebraucht) der in den exponentiell wachsenden digitalisierten “Anarchiven” verborgenen Nicht-Wissens (im Sinne eines Rumfeldschen “unknown Unkonwns”) drehte:

“Er gewinnt Form in Gestalt von Heimweh, Transzendenzsehnsucht oder Retromanie und gerät umso stärker, je eindringlicher die technologische Enteignung und Delokalisierung erfahren wird.” [5]

Die von Thibaut de Ruyter kuratierte Ausstellung “The Ghost Off the Shelf” wie das Gesamtfestival widmen sich also der spürbaren Faszination und Beschäftigung mit (vorgeblich?) nicht hintergehbarer, materieller Restanzen der Produktions-, Aufführungs- und Speicherungprozesse, die in der vordigitalen Ära dem jeweiligen Medium auf den Leib geschrieben waren und als nun als “Phantomeffekte” (wie in Phantomschmerz) eine tiefenhermeneutisch zu erschließende Bedeutungsebene versprechen, der die CTM-Projekte sogar bis in die Halbleiter-Molekülketten der Medienapparate nachzusteigen bemüht sind (“The Crystal World Open Laboratory”):

“Das ist kein absichtsvolles künstlerisches Programm. Vielmehr ist es feinnerviges, arbeitsames, mal dunkles, mal fröhliches Experimentieren mit Unheimlichem, Verstaubtem und Trash, der Rückgriff auf Vergangenes und Verworfenes bis hin zur Archaik, die Lust am Verformen, Verhallen, Verrauschen und Verflüssigen, Aufbrechen, Verkleben und Verspleißen; geradezu die letzten Mittel, die eingesetzt werden, wo ein Masterplan zwangsläufig fehlen muss.” [5]
Nach dem Tod Conrad Schnitztlers [6] im letzten Jahr passt in diese Auseinandersetzung auch die Archäologie des West-Berliner Zodiac Free Arts Lab [7], einem Hackerspace avant la lettre für elektronische Musik in den 1960er Jahre, der für die spätere Krautrock-Bewegung bestimmend war, was mit der CTM-Spielstätte HAU 2 quasi am Originalort (heute sehr profan das WAU – Wirtshaus am Ufer) nachvollzogen werden kann.

[1] Offizielle Website der transmediale – festival for digital art and culture berlin
[2] Offizielle Website des CTM – Festival for Adventurous Music and Related Arts
[3] Wikipedia über Eliane Radigue
[4] art-in.tv: Video-Statement von CTM-Kurator Jan Rohlfs auf Google+
[5] Kuratorisches Manifest zu CTM.12 – SPECTRAL
[6] Wikipedia über den Elektronikpionier Conrad “Conny” Schnitzler
[7] Wikipedia über das von Conny Schnitzler mitgegründete Zodiak Free Arts Lab – quasi das CBGB OMFUG der Krautrock-Szene

Captain Kirk’s “Farewell to the Shuttle”

Ron Cobbs Abgesang auf das Space Shuttle-Programm: Challenger aus NASA & The Exploration of Space

Ron Cobbs Abgesang auf das Space Shuttle-Programm: Challenger aus NASA & The Exploration of Space

Es ist ja gerade mal etwas stiller geworden um die letzte Space Shuttle-Mission #STS135 der Atlantis. Deshalb zur Erinnerung zwei schöne Fundstücke, die zum Teil schon durch die Netze gejagt wurden, aber immerhin noch nicht von mir.

Die Shuttle-Dokumentation [1] mit William Shatner mag vielleicht bei The Big Bang Theory’s Sheldon Cooper und anderen Original Language-sozialisierten Trekkies zu Verzückungen führen, für mich ist Shatners Originalstimme nicht so tiefen-limbisch verdrahtet. Dennoch halte ich diese Doku in ihrer sehr amerikanischen Machart für sehenswert – allein schon wegen der fehlenden Werbeunterbrechungen. Und für ein Propaganda-Video wartet sie sogar mit einigen kritischen Untertönen auf.

“The 80 minute documentary takes you through the history of the Space Shuttle program, which first got underway during the Nixon administration. The film spends ample time looking at the design challenges NASA engineers faced in trying to create a reusable shuttle, while also showing early prototypes. Once the design phase was complete, construction began on the first orbiter in June, 1974 and wrapped up two years later. NASA called its first craft Space Shuttle Enterprise, paying homage to the fictional Starship Enterprise. Next, it was time to boldly go where no one had gone before.”

[1] Open Culture: William Shatner narrates Space Shuttle Documentary

Auf der immer wieder überraschenden Conceptships-Seite [2] für Amateur-Raumschiff-Designer habe ich die oben abgebildete wunderbar melancholische Pastellbuntstift-Challenger [3] von Ron Cobb [4] gesehen, die mich zurückbeamt ins Jahr 1976, als ich erste Fotos von den damaligen Flugversuchen der Fähre auf der 747 in der Flug Revue gesehen hatte. Für mich war immer klar, dass dies der erste richtige Schritt ins Weltraumzeitalter war – mit echten, wiederverwertbaren und “nachhaltigen” Raumschiffen! Jetzt kehren wir wieder zurück in die pionierhafte Ära der Wegwerf-Raketen.

[2] Concept Ships – Die Pr0n-Site für Amateur-Raumschiffdesigner
[3] Amazon-Link zum Bildband NASA & the Exploration of Space
[4] Ron Cobbs Website. Production Designer z. B. für Alien und Indiana Jones]

“Sag zum Abschied leise Failure.” NASA Abandoned Projects by New Scientist

Lockheed-Martins X-33: In Schönheit sterben. Illustration: NASA-MSFC

Jetzt, wo alle Welt langsam aber sicher Abschied vom Space Shuttle nimmt (offizieller Fach-Hashtag: @STS135 – STS steht in NASA-Speak für Space Transportation System; 135. Mission), und wir merken, dass da doch etwas liebgewonnen Techno-Ikonenhaftes seinen Abschied nimmt, tritt der New Scientist in seiner hier [1] verlinkten Galerie der schon am Boden liegenden Space Agency noch mal U-Bahn-Schläger-mäßig gegens Haupt.

“Failure to launch: abandoned NASA projects (21 August 2009)
Facing budget and technical concerns, the agency may abandon the development of its Ares rockets – amateur space historian Henry Spencer looks back at other big NASA projects that never got off the ground.”

Dieser Aufstellung nach hat die NASA in den letzten 36 Jahren aber weniger Rohrkrepierer produziert als Google in 3 Jahren. Das oben gezeigte Fehlprojekt fand ich am Schönsten – nicht nur wegen des Titels. Es zitiert das gewohnte schwarzweiße Design des Shuttles. Und was schreibt Henry Spencer dazu? [2]

X-33; 1996 – 2001; $912 million (NASA share). The X-33 was a NASA-Lockheed Martin suborbital technology demonstrator for a reusable rocket that would reach orbit without using multiple stages or dropping fuel tanks. It was intended to be followed by a commercial “single-stage-to-orbit” (SSTO) vehicle, VentureStar.

But the X-33 was cancelled due to slipping schedules and performance, rising costs that Lockheed Martin was unwilling to absorb, and a major failure during a test of its composite-material tanks.”

[1] New Scientist: Failure to launch: abandoned NASA projects (21. August 2009)
[2] ebenda: “Image 7 of 9”

Captain America – Der erste Rächer ist ein Mann von Gestern

Etwas US-Patriotisches zum Independence Day 2011: Captain America – The First Avenger steht kurz vorm Start (US: 22. Juli; Deutschland 18. August) und erste Filmbilder und Trailer liefern schon ausreichend Material, um darüber einiges zu erzählen. [1] Captain America ist als Comic-Figur sowohl ein dankbares Objekt militaristischer Propaganda auch als Projektionsfläche subversiver Persiflage – wie von Peter Fonda in Dennis Hoppers Easy Rider verkörpert. [2]

Diese problematische Stellung des “ersten Rächers” selbst im Homeland Universe spiegelt seine Geschichte in Marvels “Golden Age” und seine Wiedererweckung im 1960er “Silver Age”, die auch die wesentliche Grundlage für die jetzige Verfilmung bieten. Captain America ist nämlich ein “Mann von Gestern.”

Die universelle Grundgeschichte des Hänflings Steve Rogers, der dank des “Super Soldier”-Experiments der US Army zum Superhelden evolviert, bewegt sich in dem insbesondere für Marvel-Helden charakteristischen reziprok-proportionalen “Fallhöhe” zwischen all zu menschlichen Schwächen und superheldischen Überkräften. Interessant aber für die Einordnung der Figur ist der Starttermin der “Golden Age”-Serie vor über siebzig Jahren. Marvel hieß damals noch Timely, und Stanley Lieber aka Stan “The Man” Lee gab sein Debut als Autor in Captain America #3 im Mai 1941.

Captain America ist also keine militär-faschistoide Propaganda-Erfindung des mehrheitlichen WASP-Milieus, sondern ähnlich Jerry Siegels und Joe Shusters Superman eine “Überintegrationsfigur”. Unter dem Eindruck des Zuzugs der vor der Judenverfolgung in Deutschland und Europa Flüchtenden – oftmals Familie und Freunde – fanden die jungen Amerikaner jüdischer Herkunft ein Ventil für ihre Wut gegenüber der für sie skandalösen Zurückhaltung der Vereinigten Staaten. Erst im Dezember des gleichen Jahres, in dem Captain America erscheint, wird mit Pearl Harbour Amerikas Kriegseintritt erzwungen.

Captain America – The First Avenger folgt ähnlich wie schon X-Men: First Class [3] dem Marvel-eigenen publikationshistorischen Mythos und spielt zur Zeit des 2. Weltkriegs. Die Feind ist Nazi-Deutschland, die geheime Über-SS-Organisation Hydra und der Erzbösewicht Red Skull, dessen Totenkopfhaftigkeit im Make-up leicht ins Lächerliche hätte umschlagen können. Ob der “Cap” wie auf den Cover des ersten Comic dem “GröFaZ” direkt die Fresse mit dem Schild poliert, kann ich noch nicht sagen.

Während ich der Story wie leider den meisten bisherigen Superhelden-Adaptionen keine besondere Tiefendimension zutraue, so scheint mir das Design der Marvel Studios-eigenen Produktion sehr gelungen. Die Entwicklung des “Super Soldiers” von der Propaganda-Figur der US Army-Truppenbetreuung – wie im Bild oben – zur echten Superheldengestalt in einer combat proven Kämpferrüstung erscheint glaubhaft zwischen WWII-Vintage Style und den Anforderungen an das Superhelden-Genre zu vermitteln. Der hammerschlag-grüne Vita-Ray-Konverter, aus dem die neugeborene Superkämpfergestalt entsteigt, ist ein erstklassiger retro-fiktionaler Entwurf. Die kurz im Trailer auftauchenden Hydra-Schergen-Krafträder scheinen mir über zu moderne Teleskop-Gabeln zu verfügen; aber die Nazis hatten zu den Olympischen Spielen 1936 ja auch schon Fernseh-Liveübertragungen.

Wichtig auch, weil der Film zum Schluss den Weg in die Gegenwart des kommenden “Avengers Assemble!”-Films [4] weist, das Goßereignis auf die Marvel Studios seit Jahren schon mit ihren Filmen Iron Man, Iron Man 2, The Incredible Hulk und Thor zusteuert. Wie ich gelesen habe, wird ein Nazi-Nurflügel-Tarnkappenbomber [5] irgendwo im ewigen Eis durch S.H.I.E.L.D. geborgen werden – mit einem tiefgefrorenen Captain America an Bord. Mit diesem Schluss folgt der Film der ursprünglichen Wiedereinführung des Captains ins “Silver Age” von Marvel: Als ein aus der Zeit gefallener Veteranenknochen des 2. Weltkriegs, dessen Aneckpunkte mit der Moderne jede Menge dramaturgisches Reibungspotential verspricht.

Politisch steht die Figur für Amerikas gegen die üblichen Parteilinien verlaufende Richtungsdiskusssion zwischen, wenn nötig, unilateralen Interventionisten und auf “Amerika First!” sich rückbesinnender Isolationisten. Dies ist ja das geheime Versprechen der Popkultur, das ihre Massenerzeugnisse in ihrer vermeintlichen Unernsthaftigkeit und Oberflächlichkeit die ‘wahren’ Befindlichkeiten und unausgesprochenen Sehnsüchte einer Gesellschaft zu dechiffrieren vermag. Insofern ist dies vielleicht ein tröstliches Bild der US-Gesellschaft, dass ihr erster Krieger und Rächer ein anachronistischer Mann von Vorgestern ist – und in Zukunft in eine breite multilaterale irreguläre Kampfeinheit eingebunden sein wird.

[1] Marvel Studios offizielle Flash-verstrahlte “Micro Site” zum Film
[2] WP: Easy Rider von Dennis Hopper (1969)
[3] PHUTUTAMA: X-Men First Class 1960s Visual Archeology
[4] WP: The Avengers von Joss Whedon. Bei diesem Lemma gibt es wohl keine Pre-Relevanz-Problematik
[5] How to be a Retronaut hat eine Zeitkapsel über “Hitler’s Stealth Bomber” veröffentlicht

Schlemmkreide auf Mattschwarz – Das “Race 61” Rock’n’Race-Festival

Der Roadrunner's Paradise liegt am ersten Juli-Wochenende in Finowfurt: Poster-Motiv des 14. "Race 61"

Für alle Non-Fusionistas [1] gibt es alljährlich meist sogar am gleichen Wochenende eine ernstzunehmende Alternative in Form des “Race 61” [2] auf dem Gelände des Luftfahrtmuseum Finowfurt [3], den Chaos Communication Campern [4] wohl vertraut. Musikalisch und auch, was die Formel “Spaß am Gerät” anbelangt, ist das “Race 61” zwar etwas anders gestrickt, aber mit dem spezifischen Zeitreisefaktor, der weiteste Teile des Fuhrparks und des Outfits der Besucher ausmacht, eine wirkliche Attraktion.

Das “61” bezieht sich auf die ursprüngliche Ansage, dass die teilnehmenden Wagen der Schau-Rennen über die Achtelmeile auf dem zum Dragstrip ausgeflaggten Rollfeld vor 1961 zugelassen sein mussten. Da dies nun auch nicht mehr ein ganz alltägliche Baujahrgrenze für potentielle Teilnehmer ist, gibt es inzwischen eine zweite Wertung – die “Race 76” am Sonntag.

Als ich vor zwei Jahren das erste Mal die Gelegenheit hatte, das “Race 61” zu besuchen, nutzte ich das Zulassungsdatum meines alten mattschwarzen, aber auf Altglanz hochpolierten VW Käfer (1959), um mich als Rennteilnehmer anzumelden und damit das Eintrittsgeld zu sparen.

Der Spaß mit meinem Wagen dann im Feld mit den anderen teils hochkuriosen Kisten auf dem Dragstrip anzutreten war eigentlich unbezahlbar. Die technische Abnahme allerdings war fast strenger war als beim TÜV. Und noch jetzt, zwei Jahre danach, entdecke ich Schlemmkreidereste an den Seiten des Wagens. Das reinste “American Grafitti” [5] – von den handgepinselten Startnummermarkierungen.

Sowohl für Motorrad-, Auto- als auch Flugzeugbegeisterte ist das “Race 61” ein Gesamtkunstwerk. Gerade, was Motorräder und ihre Fahrer[innen] angeht, gibt es keine coolere Veranstaltung. Besonderes Highlight hierzu dieses Jahr: das Kirmesspektakel der Steilwandfahrer von Demon Drome und ihrer  “Wall of Death.” [6]

Dass mich 2009 das Datum “61” und die ganze zeitkapselartige Charakter der Veranstaltung auf eine ganz andere Idee gebracht haben, nämlich die “Risikopiloten”-Geschichte um Perry Rhodan und Bully als Comic zu erzählen, ist eine andere Geschichte. Dazu demnächst mehr.

[1] Website des Fusion Festival Lärz
[2] Website des “Race 61 – 14th Annual Rock’n’Race Festival”
[3] Website des Luftfahrtmuseum Finowfurt
[4] “The Chaos Communication Camp is an international, five-day open-air event for hackers and associated life-forms.”
[5] WP: George Lucas’ American Grafitti – “Where were you in ’62?”
[6 “Welcome to the Demon Drome Wall of Death”

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