X-Men: First Class 1960s’ Visual Archeology

Alles dreht sich darum, wie er zum Helmträger wird: Eric Lensherr (Michael Fassbender) aka Magneto, courtesy 20th Century Fox

Es ist durchaus möglich, dass ich alle Marvel-Verfilmungen der letzten zwanzig Jahre gesehen habe – manche davon zwar nur im TV –, und ich deshalb guten Gewissens sagen kann, dass X-Men: First Class [1] eine der gelungeneren davon ist. Ob es für ein zweites und drittes Wiedersehen langt, was ein persönliches Qualitätskriterium für mich ist, möchte ich jetzt noch nicht sagen. Neben allen X-Verfilmungen – leider ist X-Men Origins: Wolverine für mich die schwächste davon – gefallen mir die wunderbar geerdeten Fantastischen Vier, Iron Man sowie beide Hulk-Filme ganz ordentlich. Und da ich gerade das “Rächer sammeln!” höre, Thor [2] steht für mich noch an, und auf Captain America: The First Avenger [3] bin ich schon sehr gespannt. Spider-Man I – III war mir schon zu mainstreamig. Elektra hingegen war ein kleiner, schöner Seitenblick in einen Nebenarm des Marvel-Universums.[4]

Eine Schwierigkeit der Marvel-Verfilmungen ist, dass sie die jeweilige origins story der Helden in einer parallelen Jetztzeit re-inszenieren und rekontextualisieren müssen, was bei Iron Man wunderbar gelang – in einer derart gelungenen Parodie auf das testosteron-geschwängerte Alphatier-Gehabe Larry Ellisons, dass der Oracle-Chef sich so geschmeichelt gefühlt haben muss, dass er im 2. Teil seinem Alter Ego Tony Stark in einem kurzen Cameo die Aufwartung macht. Was bei Spider-Man als ursprünglichen New York City “friendly neighborhood” Superheld der 1960er nicht mehr gelingen will – wie es die als Knallcharge denunzierte Figur des Daily Bugle-Herausgebers J. Jonah Jameson, wenn auch unterhaltsam, beweist.

Viele der ursprünglichen Charakteristika der Marvel-Supelhelden wurzeln im jeweiligen gesellschaftlichen und zeitlichen Kontext ihrer Entstehung. Das Umtopfen in die heutige Zeit gelingt, wenn die Werte, für die die Helden einstehen, so universell sind, dass sie überall und zu jeder Zeit zu überzeugen vermögen. Um so einfacher aber ein Superhelden-Film wie X-Men: First Class [5],der als Prequel zur bisherigen X-Serie in die Entstehungszeit seiner Comic-Vorbilder eintauchen darf. Er fackelt dabei ein ikonographisches Feuerwerk des 1960er-Eklektizismus ab, in dem zwischen 007s Dr. No [6], Mit Schirm, Charme und Melone [7] und Dr. Strangelove’s “War Room”[8] alles zitiert wird, was die erste Hälfte dieses so erstaunlichen Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts zu bieten hatte. Und dies wird teils cross-medial über Bande gespielt, da sowohl die zugrunde liegenden Comics der 1960er als auch die zeitgenössischen Filme wie ihre postmodernen Re-Enactments (Mad Men [9]) reflektiert werden.

Die Kontinuitäten des “X-Universe” gegen den Strich gebürstet

Ich bin, was die “X-Corner”[10] des Marvel-Universums anbelangt, nur ein Oberflächenschnorchler, so dass ich mir erst einmal via Wikipedia die Authentizität aller hier auftauchenden Mutanten und Superschurken garantieren lassen musste. Und alles stimmt irgendwie – wenn auch gegen jede ordentliche Kontinuität des Marvel-Universums! Dass X-Men: First Class nebenher die Kuba-Krise von 1962 mit einen historisch bisher kaum belegten Spin neu erzählt, sei geschenkt. Mit dem der Mit Schirm, Charme und Melone-Folge “A Touch of Brimstone”[11] entlehnten Hellfire-Club und seinen Hauptprotagonisten Sebastian Shaw and Emma Frost (die ihre Bondgirl-meets-Barbie-Ambiguität noch durch eine ultimative 007-hafte “Diamond Girl”-Formwandlungsfähigkeit zu toppen weiß) verknüpft X-Men: First Class aus dem Comic-Universum legitimierte Handlungsmotive zu einem stimmigen Film-Ganzen. Es dies die Geschichte eines gefallenen Engels – die Geschichte, die George Lucas uns vielleicht gerne über Annakin Skywalker und seine Wendung zur bösen Seite der Macht in den Star Wars-Prequels erzählen wollte, aber nicht vermochte. Es die tragische Geschichte des charismatischen Eric Lensherrs, der zu Magneto und damit zum super-schurkischen Führer der “Bruderschaft der Mutanten” wird. Und es ist die tragische Geschichte des Endes einer großen Freundschaft – zu Charles “X” Xavier, als dessen ewige Nemesis Magneto Eric Lensherr alle späteren X-Men-Geschichten durchziehen wird.

Gibt es formalisierte Hollywood-Regeln für ein gelungenes Prequel?

Eine könnte vielleicht lauten, dass zu Beginn erst einmal alles anders sein muss als gewohnt, damit alles sich so wenden kann, wie es zukünftig schon einmal war. So sind die späteren “Erbfeinde” Professor X und Magneto in X-Men: First Class zuerst einmal kongeniale, gleichberechtigte, wenn auch unterschiedlich temperierte Charaktere – und Eric Lensherr nimmt hierin die für die X-Men so elementare Rolle des draufgängerischen Wolverines ein, so dass dieser bei der in kurzen Szenen eingespielten Mutanten-Akquisitionstour der beiden es sich leisten kann, den beiden einen Korb zu verpassen (in einem kurzen Gastauftritt Hugh Jackmans).

Und so sympathisch und charismatisch der jungen Eric Lensherr (Michael Fassbender) gezeichnet ist, der als einsamer Wolf den versprengten Nazigrößen in ihren üblichen Verstecken (Argentinien) nachjagt, um seinen Peiniger, “Mutantenforscher” und Muttermörder Sebastian Shaw alias “Dr. Schmidt” (Kevin Bacon) zur Strecke zu bringen, so ist sein noch nicht an den Rollstuhl gefesseltes Äquivalent Charles Xavier (James McAvoy) eher ein Bruder Leichtfuß und akademischer Springinsfeld, dem die globale Verantwortung und Seriosität des späteren Professor X noch nicht in die Wiege gelegt sind. Der “erste Jahrgang” der Mutanten – wann werden eigentlich mal die lächerlichen false friend-falschen Filmtiteleindeutschungen (“Erste Entscheidung”) aussterben? – wird hier noch nicht im als Internat für Hochbegabte getarnten “X-Mansion” in Westchester County, New York ausgebildet, sondern in einem CIA-eigenen beton-brutalistischen Forschungskomplex – der “Division X” – unter der Leitung des sympathisch-verschluderten “The Man in Black” (Olive Platt) trainiert, aber eben auch kaserniert. Hier entwickelt First Class auch seinen ganzen, ihn an den Kern aller anderen X-Verfilmungen nahe bringenden Charme des Internats- und Coming-of-Age-Genrefilms. Die Teenager-Mutanten nehmen die Coming-out-Rituale der späteren Emanzipationsbewegungen der Hippie-Ära vorweg – oder sind es gar die Rituale der heutigen Casting-Shows á la DSDS und GNTM? Es ist ein schöner Drehbucheinfall, die für Comic-Fans “heiligen” Heldennamen als Resultate einer nächtlichen Blödelrunde vorgeführt zu bekommen. Die “normal-humane” Führungsoffizierin CIA-Agentin Moira MacTaggert (Rose Byrne), als eine etwas sehr offensichtliche Emma Peel-Referenz eingeführt, steht den Jungspunden als freundlich-gestrenge “Klassenlehrerin” zur Seite – und ist über solcherart Unernst nicht erfreut. Für uns Zuschauer erfüllt Moira die Rolle des verbindenden Elements zur abgedrehten Mutantenzirkustruppe. Als Xaviers love interest nimmt sie dramaturgisch die Rolle im Gruppengefüge ein, die wir aus der im Heute angesiedelten Trilogie von Famke Jansen’s Verkörperung der Jean Grey kennen – natürlich ohne deren dämonischer Phoenix-Identität wie in X-Men III: The Last Stand [12] entfesselt.

Visueller Bildspeicher der ultracoolen 1960er Americana

Als Ausstattungs- und Kostümfilm der coolen 1960er Jahre gewinnt X-Man: First Class natürlich jeden Preis. Waren die Lederkombis der aktuellen X-Filme schon heiß, so sind die schwarz-dunkelblau-gelben Lederkombis ein echter Genuss! Selten sahen im Realfilm umgesetzte – bunte! – Superheldenkostüme zeitgleich so überzeugend funktional als auch retro-chic aus – und das in überzeugender Anlehnung and das Kostümdesign des 1963er Ur-Comics der Uncanny X-Men. Die schwarzen Anzüge der CIA -“Men in Black” sind hier natürlich auch völlig authentisch, während sie in den späteren MiB-Filmen[13] eine eher komische Verkleidung sind – mehr Pan Tau als Secret Service. Über Emma Frost’s (January Jones) Diamantgestalt als Uber-Bondgirl habe ich oben schon geschrieben; ihr mit Superschurke Sebastian Shaw benutztes Atom-U-Boot, aufgetaucht im arktischen Eis, erscheint mir als Referenz an die “USS Nautilus”, das erste nukleargetriebene U-Boot der Welt, das mit seiner erstmaligen Nordpol-Unterquerung 1957 Weltberühmtheit erlangte. [14] Und dessen mentalgesicherte Eignerkabine mit dem selben Op-Art-Tapetenmuster wie mein PHUTURAMA-Hintergrundbild [15] ausgestattet ist – sehr geschmackvoll!

Ein bisschen zu viel der Koinzidenzen wurde es mir in der glücklicherweise nur kurzen Eröffnungssequenz zur Hellfire Club-Geheimloge im fiktiven Las Vegas-Casino “Atomic” (sic!). Denn das originale Ocean’s 11 [16] Las Vegas der 1960er mit seinem historisch verbürgten “Stardust”-Casino [17] im pursten Astro-SciFi-Look habe ich mir schon für das PERRY RHODAN: RISIKOPILOTEN-Webcomic Vegas gesichert. Und was auch nicht schön ist, aber im Rahmen der generell unseriösen Marvel-Technikadaptionen schon in Ordnung geht, ist die anachronistische Verhunzung der einzigartigen Supersonic-Ikone SR-71 Blackbird [18] zu einem VTOL-fähigen [19] Mutantentruppentransporter, den dann auch noch der genialische Dr. Henry McCoy alias Beast (Nicholas Hoult) im Alleingang konstruiert haben will. Immerhin historisch richtig ist, dass das für die Stealth-Technologie wegweisende Spionageflugzeug der Lockheed Advanced Development Projects Unit alias “Skunk Works” durch die CIA beauftragt worden ist.[20] Die 1960er-Retrospektive wird zum Schluss noch abgerundet durch einen 1a-Bond-würdigen Abspann, wie übrigens die gesamte musikalische Untermalung 007-haftes Flair verströmt. Der lieblos angeklatschte, belanglos kontemporäre Official Song “Love, Love” – ausgerechnet von Take That – bleibt mir unverständlich und unerklärlich – gerade bei Robbie Williams immer wieder erklärten Ambitionen auf authentischstes Bond-Hipstertum.

Moralische Aporien

Zum Abschluss noch einige Bemerkungen zur mitunter zwiespältigen Moral von X-Men: First Class. Die KZ-Eingangsszene mit dem jungen Eric Lensherr, der von seinen Eltern getrennt wird und dabei seine mutantischen Magnetkräfte zum Ausbruch kommen läßt, ist dem eindrucksvolle Beginn aus X-Men nachempfunden, das hier in den weiteren Rahmen der Machenschaften eines Dr. Mengele-artigen Sebastian Shaw eingebettet wird. Dessen kolportierte Alterslosigkeit wird im immer seltsam künstlich aussehenden Gesicht Kevin Beacons perfekt wiedergespiegelt. Die schier unfassbare Bürde des jungen Eric, genau dann mit seinen übermächtigen Mutantenkräften versagt zu haben, als es galt seine Mutter vor Shaw/Dr. Schmidt zu retten, bleibt das psychische Trauma, das die unheilvolle spätere Entwicklung des Eric Lensherr zu Magneto um so vieles glaubhafter macht als beispielsweise die Tötung der Eltern des jungen Bruce Wayne als Ausgangspunkt für die Enstehung Batmans – um mal ins benachbarte DC-Universum zu blinzeln. Es ist eine kleine Münze, die erst in Blut getränkt, die Geschichte des jungen Eric vollendet. Eine Tragik des späteren Professor X, dass er als telepathisch-empathischer Mitwisser um Lensherrs Lebenstrauma die unglückselige Metamorphose Magnetos nicht verhindern kann. Das Band zwischen den beiden reißt – und wird niemals wieder verbunden werden können.

Trotz dieser humanistischen Aporie, in die uns X-Men: First Class entläßt, ist es schon etwas befremdlich und gar nicht einmal so “krypto-rassistisch”, dass die einzigen non-caucasian Mutanten des “ersten Jahrgangs” entweder bei erster sich bietender Gelegenheit sterben (ausgerechnet Armando “Darwin” Muñoz), schnöde die Seiten zu Gunsten des Hellfire Clubs wechseln (“Angel” Salvadore) oder wie die komplett fremdartige gestaltwandelnde Mystique – Xaviers erste Begegnung mit Mitmutanten und Jugendfreundin – mit Magneto zieht. Allerdings der Liebe willen. Dass Magneto auch noch “Diamond Girl” Emma Frost wieder aus der CIA-Gefangenschaft befreit und dabei in seinem samtroten Las Vegas-Villain-Klamotten samt Anti-Suggestoren-Helm zum Davonlaufen billig aussieht, ist wenigstens eine ästhetische Lehre aus der tragischen Geschichte des Fall von Eric Lensherrs: Er wird für seine Wendung zum Bösen mit schlechtem Geschmack gestraft.

[1] Die offizielle, verflashte Website www.x-menfirstclassmovie.com
[2] Die ebenfalls verflashte offizielle Website zu Thor
[3] WP: Captain America: The First Avenger
[4] WP: Marvel Universe
[5] WP: X-Men: First Class
[6] WP: Dr. No – der erste James Bond 007-Film (1962)
[7] WP: Wegen der Verwechslungsgefahr zu Marvels Avengers hier der deutsche Eintrag
[8] WP: Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb – insbesondere Ken Adams “War room” wird in First Class gehuldigt
[9] WP: Mad Men
[10] WP: “This article is about the superheroes.”
[11] WP: “A Touch of Brimstone is an 1966 episode of the television series The Avengers. It is widely known for Diana Rigg’s ‘Queen of Sin’ costume.”
[12] WP: “Also known colloquially as X-Men 3 or X3.”
[13] WP: Men in Black-Filmreihe
[14] WP: USS Nautilus (SSN-571)]
[15] twitter.com/#!/PHUTURAMA
[16] WP: “Ocean’s 11 (1960) – heist film starring five Rat Packers: Peter Lawford, Frank Sinatra, Dean Martin, Sammy Davis, Jr., and Joey Bishop.”
[17] WP: “Stardust” Resort & Casino
[18] WP: “The Lockheed SR-71 ‘Blackbird’ was an advanced, long-range, Mach 3+ strategic reconnaissance aircraft.”
[19] WP: “VTOL is an acronym for vertical take-off and landing aircraft.”
[20] WP: “Skunk Works is an official alias for Lockheed Martin’s Advanced Development Programs (ADP), formerly called Lockheed Advanced Development Projects.”

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2 Responses to “X-Men: First Class 1960s’ Visual Archeology”

  1. PHUTURAMA » Captain America – Der erste Rächer ist ein Mann von Gestern Says:

    […] America – The First Avenger folgt ähnlich wie schon X-Men: First Class [3] dem Marvel-eigenen publikationshistorischen Mythos und spielt zur Zeit des 2. Weltkriegs. Die Feind […]

  2. PHUTURAMA » The Amazing Spider-Man? Seriously? Says:

    […] Trilogie als Retrodrama in die 1960er zurückverlegen sollen, wie es dies mit X-Men: First Class [2] so gut gelungen […]

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