Der schmale Grat zwischen Kitsch und Kunst – Terrence Malicks The Tree of Life

"Fiat Lux"– Jessica Chastain in Terrence Malicks The Tree of Life; courtesy Fox Searchlight

Terrence Malicks The Tree of Life gilt als cineastischer Höhepunkt, den man sich nicht entgehen lassen darf. [1] Ist der Film den Hype wert? Bin ich jetzt ein anderer, besserer Mensch – oder bilde ich es mir zumindest ein? Filmfreundin @waxmuth war jedenfalls wie schon eine ganze Reihe Kritiker in Cannes (trotz späterer Goldener Palme) gar nicht angetan und schrieb die wunderbar lakonische Twitik: “The Tree of Life fällt in die Kategorie: Prätentiöses Geschwurbel.” [2]

Ich versprach ihr zur Ehrenrettung des Films einige seiner guten Seiten herauszustellen – mit den für PHUTURAMA spezifischen Anmerkungen.

The Tree of Life ist eine Elegie. Eine filmische Visualisation der Kindheitserinnerungen eines Architekten (Sean Penn), der anlässlich des Todestags seines jüngeren Bruders in Flashbacks seiner Jugendzeit zurückversetzt wird und die persönliche Familientragödie in den universellen Rahmen des Theodizeeproblems [3] stellt. Filmisch und dramaturgisch wird dies in mehreren bildmächtigen kosmologischen Sequenzen eingebunden, wie sie in dieser Art nur von Stanley Kubricks 2001 – A Space Odyssey (“Jupiter – And Beyond”) [4] vertraut sind.

Aus der subjektiven Perspektive des Protagonisten heraus erzählt  The Tree of Life einige Schlüsselmomente der Jugend, deren visuelle Kraft und Schönheit gerade aus der Stilisierung und Idealisierung der Erinnerung gezogen wird: Die feenhafte Erscheinung und Sanftmut der Mutter (Jessica Chastain), die Verliererhärte des scheiternden Vaters (Brad Pitt), die stereotyp-suburbane Heile-Welt-Idyll der Fünfziger Jahre, das nur in wenigen unangenehmen Momenten die damaligen sozialen Härten aufklingen läßt (Verhaftungsszene auf der Main Street, Sonntagsausflug in die ärmliche Black Neighbourhood von Waco, Texas).

In der Rückerinnerung fühlt der Protagonist Schuld – der Karrierearchitekt, der sich den Härten des Lebens in der ständigen Auseinandersetzung mit dem Vater gestellt hat und in seinem Erfolgsleben diesem gegenüber nun triumphieren könnte. Er fühlt sich schuldig, gegenüber dem jüngeren, sensibleren Bruder der Erfolgreichere im Überlebenskampf gewesen zu sein, wie es in den naturgeschichtlichen Evolutionssequenzen als das rein darwinistische “väterliche” Prinzip des “Lebens” gespiegelt ist.

Hoffnung auf den Weg religiös-spiritueller “Gnade”, wie er in der Muttergestalt verkörpert wird, spendet sich Malick, wenn in der entrückten Schlusssequenz am Salzsee alle Lebenden und Toten sich wieder begegnen.

Pathos und stereotype Religiosität visualisiert Malick in den Bildern teilweise eins zu eins; den schmalen Grat zum abgrundtiefen Kitsch überschreitet er des öfteren. Die grandiosen Bildmotive und die unglaublich gut montierten Bewegungen der Kamera in den rauschhaften Familiensequenzen entschädigen dafür. Sie entsprechen dem Fluss unserer prägenden Kindheitserinnerungen die Memory Lane hinab.

Wer Terrence Malick diese Bildstereotypen vorwirft, sollte Quentin Tarantino gleichfalls des klischeebeladenen B-Movie-Epigonentums anklagen. In seiner Spiritualität erscheint The Tree of Life aus der Zeit gefallen. Wer sich diesen letzten Fragen nach dem Warum? entzieht, der leistet allerdings aktive Verdrängungsarbeit – wie wahrscheinlich der Protagonist, der eine lebensfeindliche, Hochglanz-Spiegelglasfassadenwelt bewohnt, in der Menschen mit Pappbechern in der Hand sich ständig anrempeln. Gibt es zwischen all diesen reflexhaft abwehrenden Spiegeln noch authentische Bilder?

In der Retrospektive des Fünfziger-Jahre-Americana-Idylls gibt es sie jedenfalls. Malicks Ikonographie ist damit auch eine allgemeine Kritik an der lebensfeindlichen amerikanischen Spätmoderne, die das menschliche Maß, jeden Stil und jede Proportion verloren hat. Die Reflexion über das Verlorene der Kindheit ist eine Kritik an der verlorenen, aber natürlich eingebildeten und fortschrittsgläubigen Unschuld Amerikas.

Terrence Malick arbeitet nach dem Erfolg von The Tree of Life an einer sechseinhalbstündigen Redux-Version [5]; vielleicht ist die notwendig, um diesen Film wirklich zu verstehen. [6]

Für alle noch Unentschlossenen, dieser Film ist wirklich fürs Kino gemacht, und vielleicht kann dieser Trailer selbst am Monitor für den Rausch der Bilder  einnehmen.

[1] Dorothea Holloway über The Tree of Life in KINO – German Film
[2] https://twitter.com/#!/waxmuth/status/82906477119021056
[3] WP: Theodizee
[4] WP: 2001 – A Space Odyssey]
[5] Fünf Filmfreunde: The Tree of Life: — Terrence Malick arbeitet an einer Sechs-Stunden Fassung
[6] WP: The Tree of Life (Film) – Lustig naive Plotbeschreibung für alle, denen meine Interpretation nicht genügt

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One Response to “Der schmale Grat zwischen Kitsch und Kunst – Terrence Malicks The Tree of Life

  1. 64 Cannes (Teil 1) | KINO-GermanFilm Says:

    [...] Note: Eine weitere Stimme zu Terrence Malicks The Tree of Life auf Gregor Sedlags Blog PHUTURAMA: http://www.phuturama.de/?p=786 [...]

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